Die Grasbahnrennen

Die Grasbahnrennen
Vor dem Start eines der letzten Grasbahn-Rennens in Bad Harzburg im Jahr 1951.

Die Geschichte der legendären Grasbahnrennen

In den Jahren 1949 bis 1951 fanden auf der Galopprennbahn Am weißen Stein Motor-Grasbahnrennen statt. Die erste große Veranstaltung dieser Art war am 18. September 1949. Einige Wochen nach den Harzburger Renntagen, die immer im Juli ausgetragen wurden.

1949 war das zweite Jahr nach 1948, in dem der Harzburger Rennverein wieder Pferderennen nach den zurückliegenden Kriegsjahren bot. Veranstalter der Motor-Grasbahnrennen war der 1924 gegründete Harzburger Automobil-Club (HAC) und der ADAC Niedersachsen. Ein Hauptinitiator dieses Rennsports war Adolf Bitzhenner, Hotelier, Motorradfan und Vorsitzender des HAC.

Motorrad- und Autorennen zogen damals die Massen an. Es gab schon Rennstrecken im Braunschweiger Prinzenpark und den Eilenriedekurs in Hannover. Nicht zu vergessen auch die AVUS in Berlin und den Nürburgring, um nur einige zu nennen.

HAC-Vorsitzender und Rennleiter Adolf Blitzhenner (weiße Kappe) nach einer Siegerehrung 1950 auf der Rennbahn.

Also beschloss man, auch in Bad Harzburg solche Rennveranstaltungen anzubieten. Es war sicherlich ein großes Wagnis, keiner konnte das finanzielle Risiko einschätzen. Aber Deutschland war im Aufbruch. Es gab mit Theodor Heuss den ersten Bundespräsidenten, die erste Bundesregierung mit Konrad Adenauer und seit der Währungsreform 1948 die neu eingeführte Deutsche Mark. 

Nachdem sich der Harzburger Rennverein und der HAC über die Austragungsmodalitäten geeinigt hatten, konnte das erste Motor-Grasbahnrennen ausgetragen werden. Letztendlich genehmigt wurden die Rennen von der britischen Besatzungsmacht. Bad Harzburg gehörte von 1945 bis 1954/55 zur Britischen Zone im geteilten Deutschland.

Im Vorfeld der Veranstaltung konnten fast 90 Nennungen entgegengenommen werden, wobei schließlich 65 Starter in sieben Rennläufen übrigblieben. Mit solch großer Resonanz hatten die Organisatoren nicht gerechnet. Das eindeutige Schwergewicht lag bei den zweirädrigen Teilnehmern. Gefolgt von Seitenwagengespannen und den Sportwagen.

In diesen Jahren des bescheidenen Aufschwungs war der Autoverkehr längst noch nicht so weit fortgeschritten wie heute. Auf den Straßen sah man zumeist Fahrräder, Motorräder und Motorroller. Um 1950 gab es noch sehr viele Motorradhersteller in Westdeutschland. Mit Markennamen von Adler bis Zündapp. Die größten und bekanntesten Hersteller waren BMW, DKW (im Volksmund Dekawuppdich ), Horex und NSU.

Diese Markennamen fanden sich zum Teil auch in dem Rennen I des ersten Renntages am 18. September 1949 wieder.  Es starteten in der Klasse 3-4, Motorräder bis 125 ccm.  Gefahren wurden zehn Runden mit insgesamt 15 Kilometern. Sieger war Ferdinand Bock aus Hannover auf seiner DKW.

An diesem ersten Renntag waren rund 15.000 Zuschauer an der Strecke und die Begeisterung war groß. Im Rennen II der Klasse A, waren Motorräder bis 250 ccm am Start. Der Sieger nach 15 Runden kam ebenfalls aus Hannover und fuhr NSU.

Plakat und Programmheft der ersten Rennen im Jahr 1949.

Die größte Starterzahl hatte das Rennen IV der Klasse B bis 350 ccm mit 23 Teilnehmern. Hier fuhren unter anderem Maschinen der Marken Ariel, Blackborne, Horex , Norton, Triumph und Victoria. Einige Teilnehmer hatten, wie in den anderen Rennen auch, eigene Konstruktionen angemeldet. Der Sieger in diesem großen Fahrerfeld wurde Willi Walter aus Braunlage. Bekannt ist nicht mehr, ob alle 23 Teilnehmer heil das Ziel erreichten.

Dem gegenüber hatte das Rennen V nur fünf Starter. Es waren die schweren Motorräder mit Seitenwagen bis 1200 ccm. Alle fünf Maschinen kamen von der Firma BMW. Die Favoriten Breuer und Beifahrer Münnich, beide aus Braunschweig, hatten die Startnummer 30. Beide waren schon bekannt auf den damaligen Rennstrecken und wurden als „Rote Teufel von Braunschweig“ bezeichnet. In Bad Harzburg klappte es aber nicht mit dem Siegen, wegen eines Kupplungsschadens war das Rennen frühzeitig vorbei.

Im Rennen VI des Tages starteten Motorräder bis 500 ccm. Es waren unter anderem Maschinen der Marken BMW,  NSU,  Matschless, und Rudge. Absoluter Höhepunkt war das letzte Rennen mit Sportwagen bis 1100 ccm. Mit Alfred Stadermann und Richard Trenkel gab es gleich zwei Bad Harzburger Lokalmatadoren am Start. Alfred Stadermann mit Startnummer 43 fuhr einen Eigenbau der Marke Fiat. Richard Trenkel bevorzugte mit Nr. 48 ebenfalls ein Eigenbaumodell der jungen Marke VW. Auch die anderen fünf Teilnehmer fuhren allesamt selbst konstruierte Modelle. Sieger in diesem Rennen wurde ein Starter aus Peine mit einem Alpers-Eigenbau. Zweiter war Richard Trenkel, was das Publikum natürlich begeisterte.

Am Schluss dieses ersten „Grasbahnrenntages“ gab es für die Sieger wertvolle Ehrenpreise und Pokale. Gestiftet von der Stadt Bad Harzburg, der Kurverwaltung, vielen Geschäftsleuten und Privatleuten. Auch den Veranstaltern zollte man großes Lob für die glänzende Organisation. Trotz der welligen Bahn gab es keine größeren Unfälle und Personenschäden. Ausrichter, Fahrer und Zuschauer konnten sich somit auf die Rennen im folgenden Jahr freuen.

Diese Rennen fanden am 24. September 1950 statt. Es gab wieder viele Nennungen, und auch einige Tausend Zuschauer säumten die Rennstrecke. Die Rennverläufe waren ähnlich gestaffelt wie im Vorjahr. Lediglich die Motorräder mit Beiwagen starteten in zwei Kategorien. Einmal bis 1200 ccm und neu bis 600 ccm.

Leider spielte diesmal das Wetter nicht ganz mit. Es hatte einige Tage vor den Rennen heftig geregnet, und die Temperaturen waren wegen eines atlantischen Sturmtiefs im Keller. Die Bahn war dadurch glatt und aufgeweicht. So musste das Fahrertraining vom Wochenende auf den Sonntagmorgen verlegt werden. Die Rennleitung schaffte es aber, alle Rennen zu starten. Auch ließ der Regen stetig nach und es wurde trockener.

Trotzdem gab es in den ersten Rennen mehrere Karambolagen, die aber glimpflich abgingen. Den Zuschauern stockte immer wieder der Atem, wenn Motorräder oder die Sportwagen gefährlich ins Schlingern kamen. Und so passierte es, dass nach dem Start der schweren Beiwagenklasse ein Gespann in die Zuschauer raste und in der Göttingeröder Kurve zwei Jugendliche verletzte. Beide wurden sofort ins Fritz-König-Stift eingeliefert.

Bei diesen schweren Beiwagen waren wieder die „Roten Teufel aus Braunschweig“ dabei. Kurzfristig musste der erst 18-jährige Karl Bonte für den erkrankten Alfons Breuer einspringen. Mit seinem erfahrenen Beifahrer Werner Münnich fuhr er nach einem spannenden Rennen als Erster über die Ziellinie.

Zum Schluss der Veranstaltung starteten die meist silberhellen Sportwagen. Die rund 6000 Zuschauer sahen ein packendes Rennen, wozu auch die schwierigen Bahnverhältnisse mit beitrugen. Für Stadermann und Trenkel gab es diesmal nichts zu gewinnen. Von sieben Startern kamen nur vier ins Ziel, der Sieger hieß Hubert Bolm aus Wolfenbüttel.

Im Verlauf des Rennens gab es einen kleinen Unfall mit glimpflichem Ausgang. Gegenüber der Tribüne 2 streifte ein Wagen die innere Barriere und wurde dabei erheblich beschädigt. Glücklicherweise kam der Fahrer mit dem Schrecken davon.

Auch der zweite Renntag auf der Pferderennbahn in Bündheim hatte sicherlich dazu beigetragen, den Motorsport in der hiesigen Region populär zu machen. So wurde das dritte große Motorsportereignis am 29. Juli 1951 ausgetragen. Es fand im Rahmen der Bündheimer Festwoche zum 700-jährigen Orts-Jubiläum statt.

Start des Beiwagen-Rennens 1951.

Nennungen gab es weit über hundert. Darunter viele Beteiligte der zurückliegenden Rennen. Wie schon im Reglement der Vorjahre durften nur Starter aus der Britisch besetzten Zone teilnehmen. Das Interesse der Zuschauer war wieder groß und schon bei den Trainingsläufen am Sonnabend gab es viele Zaungäste. Anfang der 1950er Jahre herrschte allgemeines Rennfieber in Deutschland. So kamen bei großen Motorradrennen auf der Stuttgarter Solitude über 300.000 Zuschauer und wollten ihre Idole wie Schorsch Meier und Walter Zeller sehen.

Bei den Sportwagen war es genauso in Hockenheim und auf anderen Rennstrecken. Hier gab es Duelle von Altmeister Hans Stuck mit Herrmann Lang, Karl Kling und J. M. Fangio aus Argentinien. Damals noch für Alfa Romeo auf den Pisten, später für Mercedes in den berühmten Silberpfeilen unterwegs.

Zum Renntag am Sonntag säumten dann über 15.000 Zuschauer die Strecke auf der Galopprennbahn in Bündheim, um wieder sieben spannende und rasante Rennduelle zu erleben. In den Trainingsläufen konnte man schon ahnen, dass die Rundenrekorde der Vorjahre fallen würden. Der Sieger des ersten Laufes in der 125 ccm Klasse, Heinz Boß auf einer Ilo war schon gut 12 km/h schneller als der Vorjahressieger. Den schnellsten Rundendurchschnitt schaffte Karl Hoppe auf seiner 500er Englischen Triumph mit 82,4 km/h.

Auch bei den nächsten Rennen, erzielten die Fahrer immer neue Bahnrekorde.  Die Rennen verliefen trotzdem fast unfallfrei. Lediglich im 250ccm-Lauf gab es nach einem Gerangel um die Spitzenposition einen Überschlag, zum Glück ohne Personenschäden. Das lag auch daran, dass die Sicherheitsvorkehrungen für die Teilnehmer und das Publikum stark verbessert wurden.

Dramatisch verlief es trotzdem  beim vorletzten Rennen der schweren Beiwagenklasse bis 1200 ccm.  Neun Starter nahmen am Lauf teil, auch der Vorjahressieger Karl Bonte. In einer der letzten Runden passierte es dann: Die Nr. 39 mit Kurt Knop und Beifahrer stürzten vor den Tribünen, nachdem die Strohballen am Rand der Piste gestreift wurden. Das Gespann überschlug sich vor den entsetzten Zuschauern. Zunächst sah noch alles glimpflich aus. Doch anschließend musste der Beifahrer ins Krankenhaus transportiert werden und es stellte sich später heraus, dass er lebensgefährliche Verletzungen erlitten hatte.

Davon merkten die Zuschauer wenig. Sie fieberten schon dem letzten Rennen entgegen. Hier starteten wieder die Sportwagen, deren Motorenklänge vom Warmlaufen über die Rennbahn dröhnten. Dabei waren auch Alfred Stadermann und Richard Trenkel. Nach einem furiosen Start ging Trenkel mit Nr. 50 schnell in Führung und gab diese bis zum Zieleinlauf nicht wieder ab.

Richard Trenkel startete auch in der Deutschen Meisterschaft für Sportwagen und führte mit sechs Punkten. Autos waren seine Leidenschaft, wie er in einem Interview selbst sagte.  Er verstarb bei einem  tragischen Autounfall im Juli 1964.

Lokalmatador und einer der großen Rennfahrer seiner Zeit: Der Bündheimer Richard Trenkel bei den ersten Rennen 1949.

Zweiter wurde der „Löwe von Flethma“ Karl Busse, der als Beinamputierter am Rennen teilnahm. A. Stadermann hatte jedoch großes Pech. Nach einer Berührung mit einem anderen Fahrzeug verlor er die Motorhaube, was für ihn das Aus bedeutete. So ging das größte rennsportliche Ereignis im Harzgebiet mit großem Erfolg zu Ende.

Die Erinnerung des Autors besteht noch an riesige Menschenmassen, auch außerhalb des eigentlichen Geländes. An blauen Benzindunst, viele Maschinen waren Zweitakter mit Benzin-Ölgemisch. An den großen Contiballon über dem Gelände schwebend. Mit etwas Glück gab es auf dem Heimweg noch eine Wiener Wurst beim Rennbahnwirt W. Hoffmann im Lokal Stadt Harzburg.

Die breite Öffentlichkeit dachte, dass auch 1952 wieder Rennen stattfinden. Doch es war wohl das letzte Mal, dass Motorenklänge bei einer Motorsportveranstaltung über die Galopprennbahn hallten. Gründe gab es einige: So dürften Sicherheitsbedenken wegen des schweren Unfalls vom Vorjahr im Vordergrund gestanden haben. Als nächstes könnte auch der Zustand der Bahn nach den Rennen ausschlaggebend gewesen sein.

Darüber hinaus wurde vom HAC versucht, den sogenannten Harzring als neue Strecke mit rund drei Kilometern Länge zu präsentieren. Der Verlauf sollte vom Rennbahngelände in Richtung Silberborn führen, dann etwa zum Café Goldberg. Von dort zum Langenberg und zurück zur Rennbahn. Dieses Vorhaben wurde jedoch nicht genehmigt, weil damals sicherlich Naturschutzinteressen schon berücksichtigt werden mussten.


Quellennachweis: Privatsammler, HAC Bad Harzburg, HZ, Goslarer Stadtarchiv, Hannoversche Allgemeine, Heimatarchiv Plaster.

Der Beitrag stammt aus den 2010er Jahren

Viele weitere Fotos von den Grasbahnrennen unter Harz-History

Kaltwasser-Heilanstalt

Kaltwasser-Heilanstalt
Ansichtskarte von Albert Seebachs Kur-Bad im Krodotal im Jahr 1905.

Kaltwasser-Heilanstalt im Krodotal

Heute so gut wie vergessen, gab es versteckt im Krodotal um 1900 eine Institution, die der Gesundheit des Volkes und dem Fremdenverkehr dienen sollte.  Es handelte sich um eine Kaltwasser-Heilanstalt, gelegen in Schulenrode, wie es damals noch hieß.

Die Anlage lag auf einem großen Grundstück am heutigen Kapellenweg. Damals noch als Obere Krodostraße bzw. Krodostraße benannt. Auf dem Grundstück gab es zunächst ein Gebäude, das schon 1759 in einem Ass-Nr. Verzeichnis mit der Nr. 42 erwähnt wurde. Erstellt wurde dieses Verzeichnis 1938 mit den ersten 92 Harzburger Ass-Nummern von Robert Heinemann für den Harzburger Geschichtsverein.

Die niedrige Ass Nr. 42 des Hauses, lässt auf ein hohes Alter schließen. Ein genaues Baujahr, ist dem Autor nicht bekannt. Auch dürfte das Gebäude noch nicht die heutige Größe gehabt haben. Dazu passt auch eine Eintragung im Herzoglichen Baubestandsbuch des Kreises Wolfenbüttel/Amt Harzburg.

Der Kapellenweg und die Kaltwasser-Heilanstalt Anfang des 20. Jahrhunderts.

Daraus geht hervor, dass ein Wilhelm Brandes erst 1897 die Kaltwasser-Heilanstalt erbaute. Heute am Kapellenweg 5 liegend. 1898 erfolgte dann eine Wohnhaus Erweiterung des alten Gebäudes, heute Kapellenweg 4. Diese Wohnhauserweiterung kommt sicherlich fast einem Neubau gleich, weil Robert Heinemann in seinem Verzeichnis unter Ass Nr. 43 in der damaligen Krodostraße das Haus Nr. 15, heute Kapellenweg 4, als neues Haus bezeichnet.

Auch ist das große Wiesengrundstück inzwischen zweigeteilt. Den Namen Kapellenweg, früher im Volksmund Kirchweg genannt, gibt es seit den fünfziger Jahren. Er erinnert an eine kleine Kapelle am Fuß des Kleinen Burgbergs. Vorherige Chronisten geben das Baujahr mit 1075 an. Das Bauwerk war ca. 20 m lang und 11,90 m breit. Es stand dann rund 300 Jahre im Krodotal.

Danach gab es einige Ausgrabungen auf dem Areal. So auch 1899 unter Mitwirkung von Forstrat Nehring. Später war dieser 1902 Mitbegründer des Harzburger Altertums und Geschichtsvereins, wie sich der heutige Harzburger Geschichtsverein damals nannte.

Die schon erwähnte Wohnhauserweiterung vom Kapellenweg 4, diente für zusätzliche Unterkünfte und eine Restauration in dieser abgelegenen Ecke von Bad Harzburg. Ab 1892 durfte Harzburg sich Bad nennen und 1894 kamen die Stadtrechte hinzu.

Die Kaltwasserheilanstalt, nannte man im Volksmund auch Kitzelkammer. Nachfolger von W. Brandes wurden Albert Seebach und der Schlachtermeister Gustav Kühlewind. Letzterer besaß zusätzlich eine Fleischerei in der nahegelegenen Bergstraße, seit den 1970er Jahren in Sternstraße umbenannt.

Wie lange das Badewesen und die Restauration existierten, ist nicht genau bekannt. Vorherige Chronisten berichteten, dass der Kaltwasserheilanstalt keine lange Zeit beschieden war. Dies hatte sicherlich mehrere Gründe. Einer könnte die Abgelegenheit der Anlage gewesen sein.

Außerdem gab es seit 1898 das neue Badehaus Juliushall, das sicherlich mit mehr Komfort und mit Thermal- und Solewasser aufwarten konnte. Direkt gegenüber lag die Trink- und Wandelhalle, in der die Kurgäste bis heute das Heilwasser verkosten können.

Ganz in der Nähe gab es zudem noch weitere Heilstätten in dieser Zeit. Das waren die Jungborn Anstalt der Gebrüder Just, seit März 1896 im Eckertal in Stapelburg.  Weiterhin noch der Gesundborn des Herrn Hanke an der Ilsenburger Straße/Abzweig Wolfsklippen. Später nannte man die Anlage Sophienhöhe, unter anderem war dort lange Jahre ein Hamburger Schullandheim untergebracht. 2019 wurde das Gebäude abgerissen, nachdem es lange Zeit keine Verwendung fand.

Eine weitere Ansichtskarte aus dem Jahr 1905 wirbt für Albert Seebachs Kurhaus und Hotel.

Nach der Zeit der Kaltwasseranstalt im Krodotal gingen die beiden Gebäude in andere Hände über. Am Kapellenweg 4 gab es lange den Braunschweiger Kaufmann Walter Mewes als Eigentümer. Danach einige Zeit Mewes Erben.

In der heutigen Zeit hat sich dort eine junge Familie in der immer noch ruhigen Gegend angesiedelt. Einzig ein Gehweg und Zufahrt zum Gebäude Kapellenweg 5 führen am Haus vorbei.

In der Nr. 5 als Endgrundstück im Kapellenweg, war Frl. Anneliese Tuellmann Eigentümerin der ehemaligen Kaltwasser-Heilanstalt. Danach diente das Gebäude lange Zeit dem nahe gelegenen Diakonissen-Mutterhaus Kinderheil als Wohnraum für die betreuenden Geistlichen und der zugehörigen Bugenhagen-Kapelle. Zu nennen wären in diesem Zusammenhang Gustav Winner, Siegfried Gumpert und Hermann Flake als Geistliche der ersten Zeit nach dem Krieg  und 1954 zur Einweihung der Bugenhagenkapelle.

Sprachen vorherige Chronisten noch von einer Siedlung im Verborgenen und Heimstatt im Geborgenen, so hat sich in heutiger Zeit einiges verändert. Zum Diakonissenhaus gehört nun unter anderem die Pflegeeinrichtung Haus Felsengrund. Für diese neue Bauten mussten einige alte typisch Schulenröder Häuser weichen. Damit war die Beschaulichkeit und Ruhe im Krodotal vorbei und gebaut wird dort immer noch. Nur am Ende des Krodotales, am Kapellenweg 4 und 5, gibt es noch Beschaulichkeit und Ruhe für die Bewohner.


Dieser Beitrag stammt aus den 2000er Jahren

Der Beitrag erschien auch im Uhlenklippenspiegel | Ausgabe 128 / 2020

Weitere zeitgeschichtliche Fotos aus Bad Harzburg und dem Harz unter Harz-History

Die Lutherkirche

Die Lutherkirche
Blick über Bad Harzburg im Jahr 1902, links im Bild der eingerüstete Rohbau der Lutherkirche.

Die Lutherkirche

Der Anfang

In Neustadt-Schulenrode, wie Bad Harzburg damals noch hieß, gab es schon 1891 ernsthafte Bestrebungen, eine größere Kirche zu bauen. Das Fassungsvermögen der alten Dorfkirche war zu gering und so wurde beschlossen, eine Spendenaktion ins Leben zu rufen.

Etwa zeitgleich wurde der Antrag bei der Herzöglich-Braunschweigischen Administration gestellt, um eine Geldsammlung für den Kirchenfonds durchzuführen. Das Vermögen der Kirche belief sich damals auf ca. 6500 Mark und von der Stadt floss ein jährlicher Zuschuss von 500 bis 600 Mark in die Kirchenkasse.

Des Weiteren gab es noch Einkünfte von jährlich 25 Mark aus zwei Morgen Kirchenbesitz. Alles in allem bei weiten nicht genug, um ein größeres Kirchengebäude zu errichten. Die Hauptinitiatoren der Spendenaktion waren Pastor Hermann Eyme und der Hofbuchhändler Rudolf Stolle.

Ein erster Entwurf von Gustav Heine für einen Kirchenbau in Bad Harzburg. Der fehlende Turmbau könnte zum Scheitern des Entwurfs beigetragen haben.

Pastor Hermann Eyme wirkte von 1885 bis zu seinem Tod 1908 in Bad Harzburg. Geboren wurde er am 5. September 1838 in Langelsheim. Sein Weg führte ihn über Göttingen, Greene, Sauingen und Bettingerode nach Harzburg. Rudolf Stolles Geburtsort war Holzminden. Sein Geburtsdatum ist der 2. Juli 1858. Bevor er nach Harzburg kam, absolvierte er eine Lehre als Buchhändler in Hannover. Danach hatte Rudolf Stolle eine Anstellung bei der Fa. Zickfeldt, einem pädagogischen Verlag in Osterwieck.

Am 15. April 1892 gab es dann von der Herzoglichen Verwaltung in Wolfenbüttel die Genehmigung, für eine Spendensammlung zum Bau eines neuen und größeren Gotteshauses. Die Ortsteile Neustadt und Schulenrode wuchsen stetig und auch der Fremdenverkehr nahm konstant zu.

Die Einwohnerzahl beider Ortsteile belief sich auf ca. 3300. Die Gäste- und Passantenzahlen, wurden in damaligen Statistiken mit ca. 16.000 Besuchern angegeben. In dieser Zeit entstanden viele neue Hotels und Pensionsbetriebe. Neustadt und Schulenrode bekam ebenfalls 1892 den Status eines Heilbades zuerkannt. Neuer Name wurde jetzt Bad Harzburg.

In nächster Nachbarschaft des Kirchenareals gab es das Hotel Burgkeller und das Hotel Bellevue, die in dem aufstrebenden Ort Zimmer für Erholungssuchende anboten. Im Jahr 1894 wurden Bad Harzburg die Stadtrechte verliehen. Erster Bürgermeister war August Flotho.

Nachdem Bad Harzburg jetzt den Status Heilbad und Stadt hatte, vermehrten sich die Stimmen zum Bau einer neuen Kirche. Der ganze Ort war in euphorischer Stimmung, es gab viele besondere Veranstaltungen im Hinblick auf die Stadtgründung.

Sogar das Pferderennen auf der sogenannten großen Wiese wurde 1894 einmal im Juli und nochmals im September ausgetragen. Es gab inzwischen einen Spendenausschuss, um nach neuen Geldquellen für den Bau der neuen Kirche zu suchen.

Der Spendenfluss war nicht so üppig, wie man erhofft hatte. Im Jahr 1892 waren es bescheidene 676,80 Mark, die im Spendentopf landeten. 1893 kam mit 135,57 Mark noch weniger Geld zusammen. Auch im Jahr der Stadtwerdung 1894 hielt sich der Geldfluss in Grenzen, gesammelt wurden für den Kirchenfonds ganze 560,62 Mark.

So kamen viele Ideen zusammen, um mehr Geld in den Kirchenfonds zu bekommen. Pastor Eyme z. B. verfasste eigene Gedichte im Harzburger Anzeiger und der Erlös kam ebenfalls in den Spendentopf. Auch der von Kantor Otto Meyer gegründete Kirchenchor spendete das bei wohltätigen Konzerten eingenommene Geld. Im Lauf der Jahre kamen dabei über 1000 Mark zusammen.

Zusätzlich gab es im Harzburger Anzeiger, dem Vorläufer der Harzburger Zeitung, regelmäßig eine Spenderliste und den Aufruf zur Kirchenspende. Vermehrt wurden wohlhabende Harzburger Bürger angesprochen, für den Kirchenfonds Geld bereitzustellen.

In dieser Zeit kam vom Herzoglich-Braunschweigischen Konsistorium der Vorschlag, aus Kostengründen das Baumodell der 1888 erbauten Kirche St. Martini in Rhüden zu übernehmen. Die Harzburger waren davon nicht begeistert, eine andere Kirche zu kopieren. Ein Grund war, der Kirchenbau in Rhüden am Harz hatte lediglich ein Fassungsvermögen von 440 Personen.

Der Plan wurde schnell verworfen und man hoffte zuversichtlich, ein größeres Gotteshaus bauen zu können. Anlass war auch der höhere Spendenfluss einiger Bürger des Ortes. So gab es u. a. größere Geldzuwendungen vom Konsul Berkenbusch von insgesamt 3000 Mark.

Ein Blick in die Kostenrechnung der Lutherkirche

1897 hatte der Kirchenfonds Mittel in Höhe von 3490,64 Mark zur Verfügung. Ein Jahr später waren es 4960,68 Mark. Es gab auch Vorankündigungen von Geldspenden. So teilte der Rentner König mit, für den Fall des Kirchenbaues 6000 Mark bereitzustellen, daraus wurden letztendlich 10.700 Mark. Der Stationsvorsteher Geißmar spendete 1000 Mark, später dann noch einmal 3700 Mark.

Das Jahr 1899 war sicherlich mit entscheidend für den späteren Kirchenbau. Zum einen gab es eine beachtliche Schenkung von Frau „Hauptmann Clausius“. Die Summe betrug 20.000 Mark und in der  Spendenkasse befanden sich jetzt 27.574,61 Mark.

Des Weiteren nahmen Pastor Eyme sowie der damalige Stadtrat Landwehr Kontakt mit dem Architekten Gustav Heine auf. Dieser war auch Erbauer des neuen Städtischen Badehauses und der Wandelhalle im Badepark, die beide 1898 eingeweiht wurden.

Zusätzlich gab es am 16. Mai 1899 eine Sitzung des Kirchenvorstandes mit dem Ziel, die Vorarbeiten für den Kirchenbau in Angriff zu nehmen. Am 27. Feb. 1900 gab es eine weitere Sitzung des Gremiums. In dieser stellte Stadtrat Landwehr den ersten Kostenvoranschlag und einen Entwurf von Gustav Heine zum Kirchenbau vor.

Der erste Kostenvoranschlag belief sich auf die Summe von 170.000 Mark. Die Pläne des Architekten Heine fanden allgemeinen Anklang und es wurde beschlossen, diese zum Preis von 1,3 % Prozent der Bausumme zu erwerben.

Im Kirchenfonds befanden sich jetzt 36.659,42 Mark. Bei den Städtischen Behörden fanden Heines Pläne ebenfalls Zustimmung, und es wurden 74.000 Mark zum Kirchenbau bewilligt.

Auch das Herzogliche Konsistorium in Wolfenbüttel beurteilte die Heineschen Pläne wohlwollend und stellte ebenfalls einen Zuschuss in Aussicht.

Am 5. Sept. 1900 wurde Gustav Heine mit dem Bau des neuen Gotteshauses betraut. Inzwischen lag ein neuer Kostenvoranschlag von ihm vor, der eine Bausumme von 180.000 Mark beinhaltete.

Zusätzlich wurde eine Kommission zur Überwachung des Kirchenbaues gewählt. Die Kommission setzte sich aus sieben folgenden Personen zusammen: Vorsitzender und immer noch unermüdlich Pastor Eyme. Von den städtischen Behörden Bürgermeister von Stutterheim und Forstrat Nehring. Den Kirchenvorstand vertraten Zimmermeister Hartwieg, Stationsvorsteher Geißmar und Glasermeister Fricke.

Als idealer Bauplatz galt der Standort des alten Kirchengebäudes, das somit später dem Neubau weichen musste. Es verging dann fast noch ein Jahr, bis endlich die Vorarbeiten begannen. Seit den Anfängen und Denkanstößen zum Bau einer neuen Kirche im Jahr 1891, waren ca. zehn Jahre ins Land gegangen.

Am 06. Nov. 1901, stellte der Kirchenvorstand dann den offiziellen Antrag zum Bau des neuen Gotteshauses. Vermerkt unter der Nummer 1061 im Bau-Register des Amtsbezirks Harzburg, bei der Herzoglichen Kreisdirektion in Wolfenbüttel.

Der Kirchenfonds im Jahr 1901, wies die Summe von 44860,92 Mark aus. Ende des Jahres 1901 wurden die ersten Fundamentierungsarbeiten des Turmes begonnen. Es wurde so gearbeitet, das in der alten Kirche noch Gottesdienste abgehalten werden konnten.

Die Arbeit kam gut voran und schon am 10. Nov. 1901 fand die Grundsteinlegung des Neubaues statt. Anwesend war auch ein Vertreter der Kreisdirektion, sowie Abordnungen von städtischen Behörden. Auch die Harzburger Bevölkerung nahm großen Anteil an diesem feierlichen Akt. Am Totenfest dieses Jahres fand schließlich der letzte Gottesdienst und das Abendmahl statt.

Fast 500 Gläubige besuchten noch einmal ihre alte Kirche. Mit deren Abbruch wurde ein Tag später, dem 21. November begonnen. Das Gebäude mit angegebenen Baujahr 1592 war eigentlich noch in guten Zustand. Älteren Berichten zufolge gab es nur kleinere Mängel wie Schwamm an einigen Stellen und Stockflecke infolge von Wasserschäden.

Während der Bauzeit von 1901 bis 1903 diente die nahegelegene städtische Turnhalle in der Burgstraße, als   Ausweichquartier. Später gehörte das 1901 erbaute Gebäude zur Realschule und wurde 1992 abgerissen.

Die neue Kirche

Die Einweihung der Lutherkirche im Advent 1903

Der Harzburger Winter 1901/02 war sehr milde. Deshalb konnte fast ohne Unterbrechung an dem Bau gearbeitet werden. Im Januar 1901 verstarb der Leiter des Baues, Eduard Gustav Heine nach längerem Leiden im Alter von 57 Jahren. Der Architekt, 1843 in Halberstadt geboren und vorher in Hannover tätig, hatte seinen Wohnsitz schon einige Zeit in Bad Harzburg. Es war ihm nicht vergönnt, sein Bauwerk je vollendet zu sehen.

In Hannover war der Baumeister und Architekt Heine u. a. an Bauwerken wie dem Kestner- Museum und dem Umbau der Polytechnischen Schule zum Continental Hotel beteiligt. Die Bauaufsicht, sowie die Anfertigung der noch erforderlichen Detailzeichnungen zum Kirchenbau, wurde dem jungen Bauführer und Architekten Wilhelm Dohme übertragen. Bauführer Dohme war auch schon unter Heines Anleitung mit dem Bau der neuen Kirche vertraut. Die Oberleitung des Baues oblag jedoch Kreisbauinspektor Fricke in Wolfenbüttel

Im Jahr 1902 war der Spendentopf mit 45.599,04 Mark gefüllt. Am 30. August 1902 wurde unter großer Anteilnahme das Richtfest gefeiert. Wie allgemein zu sehen war, wurde es nach Fertigstellung ein imposantes Gebäude. Versehen war es mit drei Eingängen, u. a. dem Haupteingang von der Herzog-Julius-Straße. Daneben befand sich der Aufgang zum Turm. Gegenüber dem alten Pfarr- und Gemeindehaus an der damaligen Kirchstr. war der dritte Einlass. Dieses Bauwerk hatte nichts mehr mit dem ärmlichen kleinen Kirchlein gemein, wie spöttische Chronisten und Zeitgenossen das alte Kirchengebäude betitelten.

Die Außenmaße betragen ca. 40 Meter Länge und 20 Meter Breite. Der Turm sollte einmal die Höhe von 56 Metern erreichen. Der Kirchturm ist auch heute noch ein weithin sichtbares Wahrzeichen und wird von keinem anderen Gebäude in nächster Nähe überragt.

Erbaut wurde das Gotteshaus im frühgotischen Stil. Die Außenmauern wurden zum größten Teil aus weißem Sandstein hergestellt. Das Material stammte aus zwei Brüchen in der Nähe von Blankenburg im Harz. Ein Großteil der Innenausmauerung, besteht aus Braunschweiger Ziegelsteinen, die abwechselnd aus Kalkmörtel oder Zementmörtel hergestellt sind.

Sämtliche Dachkonstruktionen sind aus Tannenholz gezimmert und mit roten, glasierten Falzziegeln gedeckt. Die Dachziegel stammen von einer Fa. aus Möncheberg bei Kassel. Die oberste Spitze des Turmes ca. 11 Meter hoch, wurde mit Kupfer eingedeckt. Das darüber befindliche Kreuz hat eine Höhe von 2,60 Metern, der Querarm misst 1,50 Meter.

Diese Spitze wurde im April 1903 von 12 Zimmerleuten bei Sturm, Regen und Schnee errichtet. Es war für damalige Verhältnisse eine heikle Mission, aber alles verlief unfallfrei. Die elf Zimmerleute sowie ein Polier stammten aus Harlingerode, Schlewecke, Bündheim und Bad Harzburg.

Im 0,45 m Durchmesser großen und vergoldeten Turmknauf, hinterlegten die Handwerker einige Urkunden. Es waren eine Urkunde von der Grundsteinlegung, Belege über Spendenbescheinigungen und die Namen der am Turmbau beteiligten Zimmerleute.

Aus Bad Harzburg kamen Heinrich Schmidt, Heinrich Lohf, Carl Sievers, Wilhelm Sievers, Otto Bues, August Kasties, Wilhelm Wäterling und Heinrich Dahle. Wilhelm Bothe und Heinrich Niemeyer stammten aus Harlingerode. Aus Schlewecke kam Wilhelm Bothe, und aus Bündheim August Bothe.

Ende der fünfziger Jahre wurden Restaurationsarbeiten vorgenommen und auch der Turmknauf zum Teil erneuert. Leider war von den Urkunden nicht mehr viel übriggeblieben. Sie waren teils unleserlich, teils verwittert.

Damals muss ein reges Kommen und Gehen an der neuen Kirchenbaustelle geherrscht haben. Immerhin waren ca. 30 verschieden Firmen aus nah und fern am Bau beteiligt. Eigentlich sollte zu Pfingsten 1903 die Einweihung stattfinden, doch dieser Termin konnte nicht gehalten werden. Am 4. August 1903 gab es noch ein besonderes Ereignis zum Füllen des Spendentopfes. Der portugiesische Opernsänger Francesco d´Andrade gab eines von wenigen Konzerten in Bad Harzburg, und dies nur zum Wohle der Kirchenkasse. Der damals berühmte Sänger wohnte von 1899 bis 1921 zeitweilig in seiner schmucken Villa an der Nordhäuser Straße, um sich von seinen anstrengenden Konzerten in den großen Opernhäusern zu erholen.

Eingeweiht wurde das Gotteshaus schließlich am 1. Advent 1903. Eingeladen war auch Prinz Albrecht, der Regent des damaligen Herzogtums Braunschweig. Wichtige Staatsgeschäfte hielten ihn aber ab, an dem Festakt teilzunehmen. In seiner Vertretung nahm Geheimrat Trieps an der Feier teil. Die Feierlichkeiten begannen mit einer Abschiedsfeier in der Turnhalle, die als Ersatz für Gottesdienste und Abendmahlsfeiern gedient hatte. Danach gab es einen kurzen Festumzug, voraus gingen Schülerinnen und Schüler. Gefolgt von Geistlichen, welche die heiligen Gefäße und Bücher zur neuen Kirche trugen. Den Zug beschlossen Vertreter von Behörden, viele Ehrengäste und ein Großteil der Harzburger Bevölkerung.

Vor der neuen Kirche wurde der Kirchenschlüssel vom Baumeister an den Superintendenten und dann an Pastor Eyme überreicht. In der Kirche weihte Superintendent Wolleman assistiert von sieben Amtsbrüdern das Gebäude auf den Namen Lutherkirche. Die Namensgebung sollte an den Reformator Martin Luther erinnern. Geboren am 10. November 1483 und gestorben am 18. Februar 1546. Danach hielt Pastor Eyme die Festliturgie und die Festpredigt.

Die Kirche angelegt für über 800 Plätze, war zum Bersten voll. Die meisten Teilnehmer harrten draußen aus, obwohl schlechtes Wetter mit Schneeregen herrschte. Dem kirchlichen Festakt folgte nachmittags eine Festtafel mit 92 Teilnehmern im nahegelegenen Hotel Bellevue. Die Festschrift zur Einweihung verfasste der Baumeister Wilhelm Dohme.

Blick aus der Schmiedestraße auf die Lutherkirche im Jahr 1905

Etwas später wurden die genauen Baukosten bekannt gegeben. Letztendlich ergab sich die Gesamtsumme von 215.688,97 Mark. Gespendet, geschenkt und gestiftet wurde auch noch fleißig in der letzten Zeit vor der Fertigstellung. So u. a. noch einmal 10.250 Mark für die Orgel der bekannten Firma Sauer aus Frankfurt a. d. Oder, vom Ehepaar Fritz und Alette König. Die große Glocke mit Glockenstuhl im Wert von 4950 Mark war ein Geschenk der Eheleute Geißmar.

Die drei Chorfenster im Wert von je 1000 Mark stifteten die Herren Baron von Asche, Kommerzienrat Wessel und der wohlhabende Kaufmann Rautmann. Neben diesen größeren Geldzuwendungen gab es auch viele kleine Spenden. Dazu gehörten u. a. Altargedecke, Wachskerzen, Beleuchtungskörper und vieles Andere mehr. Die Opferbüchse war ein Geschenk der Bauhandwerker.

Frühere Chronisten berichten, dass fast jeder Harzburger Bürger ob arm oder reich, sein Scherflein zum Kirchenbau beigetragen hat. Auch ein Staatszuschuß in Höhe von 43.000 Mark wurde noch einmal gewährt. Die Stadt Harzburg bewilligte zu den ersten 74.000 Mark nochmals weitere 14.000 Mark für die anfallenden Baukosten.

Nachdem die Lutherkirche nun vollendet an ihrem Platz stand, verstummten auch die vielen Kritiker des Kirchenbaues. Es muss auf entscheidenden Sitzungen und Zusammenkünften hitzig zugegangen sein. Einigen erschien der Neubau zu teuer, anderen war er zu protzig. Von diesen Geschehnissen gab es später eine Posse in fünf Akten. Der Autor war kein geringerer als der bekannte Rechtsanwalt, Notar und Schriftsteller Rudolf Huch, der über vierzig Jahre in Bad Harzburg lebte.

Die Innenausstattung

Nach Betreten der Kirche durch den Haupteingang, befindet man sich unter der Orgelempore. Die dortigen Bänke sind wie im Kirchenparterre und der Gemeindeempore seitlich davon aus Kiefernholz. Die Sitzbänke sind geölt, gebeizt und lackiert. Der Fußboden unter den Bänken besteht aus Tannenholzdielen.

Die Gänge im Parterre und der Vorhallen sind mit roten Mettlacher Fliesen belegt, das Material der Türen im Innenbereich, besteht aus 46 mm starkem Kiefernholz. Die Türen im Außenbereich sind aus 65 mm starkem Eichenholz. Der Beschlag an diesen Türen, wurde von dem Kunstschlosser H. Bartels aus Braunschweig angefertigt. Die umfangreichen Decken- und Dekorationsmalereien, stammen vom Herzoglich-Braunschweigischen Hofmaler Adolf Quensen.

Einiges davon wurde 1958 mit Farbe übermalt. Damals wurden Teile der Kirche innen und außen renoviert. Mitbeteiligt war auch das Amt für Denkmalspflege in Braunschweig. Nach Ansicht der Behörde, sollte der neugotische Stil, was die Pfeiler und Decken betraf, stärker betont werden. Verschwunden waren die bunten Farben und man meinte, die Kirche sei schöner, klarer und heller geworden. Erst 1987 wurden Teile der Deckenmalerei bei Restaurationsarbeiten wieder freigelegt. Die Malerarbeiten übernahm Firma Linke aus Bettingerode. Der Chef selbst hatte einige Semester Kirchenmalerei studiert.

Es konnte damals aus Geldmangel nicht alles restauriert werden und wurde wieder gestrichen. In Richtung Altar und Kanzel, vor dem zweiten Kreuzgewölbe, hing lange Jahre ein großer Kronleuchter. Es war ein beeindruckendes  Kunstwerk aus Schmiedeeisen und Kupfer. Der größte Durchmesser betrug vier Meter. Ausgestattet war er mit 72 Kerzenhaltern. Hergestellt wurde er in Chemnitz in der Kronleuchter- und Brennwarenfabrik E. F. Barthel.

Einst der Blickfang beim Betreten der Lutherkirche: Der gigantische Kronleuchter der Kronleuchter- und Brennwarenfabrik E. F. Barthel.

Leider gibt es dieses markante Werk nicht mehr. Um 1965 verschwand der wertvolle Kronleuchter und die Nachfrage nach Verbleib des Leuchters blieb bisher ohne konkretes Ergebnis. Angeblich soll er von einer Harzburger Firma bei Restaurationsarbeiten in der Kirche mit dem Schneidbrenner zerstört worden sein. Das Warum und die Begründung der Zerstörung bleiben somit im Dunkeln.

Restaurations- und Reparaturarbeiten gab es in dieser Zeit einige. So wurden z. B. 1963/64 Sturmschäden am Turm beseitigt. Im Sommer 1965 gab es dann eine komplette Turm Reparatur. Ebenfalls repariert, wurden Teile des Daches. Verbraucht wurden ca. 10.000 glasierte Ziegel. Anfang der sechziger Jahre wurde auch im inneren der Kirche das Bildnis Glaube – Liebe – Hoffnung, von Prof. Kurt Edzard entworfen, an einer der Seitenwände angebracht.

Von den verbliebenen Kronleuchtern der Fa. Barthel, soll es in Deutschland nur noch vier ähnliche Exemplare geben wie einst in Bad Harzburg. Ein sogenannter Radleuchter ziert u. a. die Pfalzkapelle zu Aachen.  Der größte und älteste Leuchter mit ca. sechs Metern Durchmesser, hängt im Hildesheimer Dom.

Altar und Kanzel wurden aus Kalkstein gefertigt, der aus Königslutter stammte. Ebenso wie der Spitzbogen im Hauptportal, wurden die Ausstattungsstücke vom Hofbildhauer Wilhelm Sagebiel aus Braunschweig angefertigt.

Der Altar wurde im Baustil des Historisierenden Klassizismus erbaut. Im großen Altarfeld wurde u. a. die Kreuzigungsgruppe dargestellt. Hinter dem Altar befanden sich drei große Fenster. Ursprünglich wurden diese von dem Quedlinburger Glasmaler Ferdinand Müller angefertigt, wie alle anderen Fenster der Lutherkirche.

Das linke Fenster stellte Christi Geburt mit dem Stern von Bethlehem dar, dem Symbol für Weihnachten. Das mittlere Fenster zeigte das Bild der Auferstehung (Ostern) mit dem agnus dei, dem Lamm Gottes. Im rechten Fenster erblickte man die Ausgießung des hl. Geistes (Pfingsten), mit dem Symbol der Taube im runden Feld.

Alle drei Fenster, gibt es so nicht mehr. Sie wurden bei der Sprengung der Muna im Schimmerwald am Abend des 10. April 1945 zerstört. Erst viele Jahre später kamen neue wertvollere Fenster an die gleiche Stelle. Bis dahin gab es einfache Ersatzfenster.

Die neuen Fenster lieferte die Fa. Bucher aus Braunschweig, das Material war aus geschwammten Glas. Dabei passierte ein Missgeschick. Beim Einbau der Fenster stellte man fest, das mittlere Objekt war zu groß geraten, irgendjemand hatte sich beim Messen vertan. Aber da das Mittelfenster sich hinter dem Altar befindet, ist dieser Irrtum kaum sichtbar.

In den jetzigen Fenstern findet man die Symbole der Taufe und des hl. Abendmahls. Im mittleren Fenster ist das Christusmonogramm sichtbar.

Führt der Weg wieder dem Haupteingang zu, fällt der Blick auf die Orgelempore. Darauf steht die Orgel der Fa. Wilhelm Sauer aus Frankfurt a. d. Oder. Das Werk hatte 29 klingende Register, und ein erstes Manual mit elf Stimmen. Das zweite Manual hat zehn Stimmen, und acht Bässe. Die Orgel wurde 1903 als Opus 891 gebaut. Das Werk wurde damals in höchsten Tönen gelobt.

Sauer-Orgeln waren echte Meisterwerke. Die Harzburger Orgel konnte mit Instrumenten im Berliner Dom, im Bremer Dom oder in der Thomaskirche zu Leipzig konkurrieren. Abgenommen wurde die Orgel einige Tage vor der Kircheneinweihung am 25. Nov. 1903. Es spielte der Organist der Wolfenbüttler Hauptkirche und spätere Musikdirektor Ferdinand Saffe. Er bescheinigte der Orgel bezüglich ihrer musikalischen Wirkung und ihrer technischen Einrichtung das höchste Lob. Gehörte sie doch damals zu den neuesten und besten Werken, die es im Herzogtum Braunschweig gab.

Inzwischen mehrmals restauriert und verändert wurde die Orgel schon einige Male. Die erste Umbaumaßnahme sollte 1939 von der Orgelbaufirma Gebr. Sander übernommen werden. Dieses Vorhaben fand jedoch wegen der Kriegsereignisse nicht statt. Danach gab es Veränderungen in den Jahren 1951 sowie 1963. In diesem Jahr wurde die Orgel auf Wunsch des damaligen Kantors Herbert Spittler elektrifiziert und mit einem neuen Spieltisch versehen. Die nächsten Veränderungen an der Orgel gab es danach noch in den Jahren 1971 und 1974.

Beim letztgenannten Termin wurden die Manuale von 54 auf 56 Töne erweitert. Damalige Kritiker warnten davor, die Orgel zu sehr durch Veränderungen in Mitleidenschaft zu ziehen. Mit einer Sauerorgel hätte das Werk nichts mehr gemein.

Es dauerte bis 1997, als ein Fachmann für die Restauration speziell von Sauerorgeln, gefunden wurde. Es handelte sich um den Orgelbaumeister Christian Scheffler aus Frankfurt/Oder.  Firma Scheffler ist eine der Nachfolgefirmen der einstigen Firma Sauer. In mehreren Bauabschnitten wurde das Gesamtwerk rekonstruiert, um sie wieder auf den Sauerschen Standard zu bringen. Am ersten Advent 2001 konnte die Einweihung der Orgel stattfinden.

Die Sauer-Orgel in der Lutherkirche, aufgenommen im Jahr 2002

Die Kosten des Projektes betrugen 800.000 DM. Finanziert wurde die Summe zu Zweidritteln von der Luthergemeinde.  Durch Spenden, Benefizkonzerte und andere zahlreiche Veranstaltungen, innerhalb von sechs Jahren.

Vorbei am Eingang zur Orgelempore führt der Weg weiter in den Turm. Hier befindet sich das Glockengeläut und die Kirchenuhr. Die Uhr ist mit einem sogenannten Achttagewerk ausgestattet. Alle vier Zifferblätter werden von einem zentralen Uhrwerk gesteuert. Die Uhr schlägt zur vollen und zur viertel Stunde im Gleichklang mit den Glocken.

Die Zifferblätter, bestehen aus kupfernen und schwarzen Materialien, versehen mit vergoldeten Ziffern und Zeigern. Die Uhr, hergestellt von der Turmuhrenfabrik J.F. Weule in Bockenem, läuft nunmehr seit 100 Jahre fehlerfrei. Lediglich ein Zeiger und Teile vom Zifferblatt lösten sich vor einigen Jahren  und fielen neben die Kirche. Zu Schaden kam gottlob niemand. Inzwischen wurde das Uhrwerk gemeinsam mit dem Geläut von Hand- auf Elektrobetrieb umgestellt. Gewartet wird das Uhrwerk einmal im Jahr von der Fa. Hirtz aus Ulm.

Im Geschoss über der Uhrenstube befanden sich drei Glocken. Aufgehängt in einem stabilen, schmiedeeisernen Glockenstuhl. Die unterste Glocke mit Ton C war mit 36 Zentnern auch die schwerste. Versehen war sie mit der Inschrift „Ein feste Burg ist unser Gott“. Ferner die Aufschrift, „Der Lutherkirche von Bad Harzburg gewidmet im Jahre ihrer Vollendung 1903 von Julius Geißmar und seiner Ehefrau Helene“. Außerdem zierte das 40 cm. große Stadtwappen die Glocke. Hergestellt wurde das Werk in der Herzogl. Hofglockengießerei Franz Schilling zu Apolda/Thüringen.  Apolda war ehemals eine Hochburg im Glockenbau. Allein von 1722 bis 1988 wurden dort etwa 20.000 Glocken gegossen und in alle Welt versandt.

Über dieser großen Glocke hing ein kleineres, noch aus der alten Kirche stammendes Exemplar mit Ton ES. Diese Glocke hatte einen Durchmesser von 1.56 Meter und eine Höhe von 0,90 Meter. Gegossen wurde sie bei der Fa. J.J. Radler u. Söhne 1883 in Hildesheim. Ebenfalls aus der alten Kirche stammt die oberste, kleinste und älteste Glocke aus dem Jahr 1674 mit Ton G. Hergestellt wurde sie bei der Firma Heisemeier in Wolfenbüttel und hat einen Durchmesser von 0,96 Meter und eine Höhe von 0,79 Meter.

Alle drei Glocken waren aus Bronze. Leider wurden die zwei unteren Glocken des Geläutes in der Zeit des ersten Weltkriegs eingeschmolzen, und das Material wanderte in die Hochöfen. Lediglich die älteste und kleinste Glocke überlebte diese Zeit. Nach den Kriegsjahren um 1920 regten sich dann Bestrebungen den fast leeren Glockenstuhl wieder aufzufüllen. Einige Jahre stand nur eine Glocke zur Verfügung, deren Geläut nur einen eintönigen Klang hervorbrachte.  Für jemanden, dem Glockenläuten wie Musik erscheint, sicherlich ein Graus.

Daraufhin wurde wieder gespendet und gesammelt, und schon Anfang 1922 sollte der Neuguss von zwei Glocken gewagt werden. Da aber Inflationszeit herrschte, und Bronze knapp und sehr teuer war, kam jemand auf die Idee, die Glocken aus Stahl zu gießen. Diese Methode hatte jedoch den Nachteil, die Glocken aus Stahl waren für den Glockenstuhl. zu schwer.

Doch fachmännischer Rat fand auch hierfür eine Lösung. Es bestand die Möglichkeit, die Glocken höher abzustimmen, dadurch wurde Gewicht eingespart. Die Schwierigkeit lag aber auch darin, beide neue Glocken mit der bereits vorhandenen in Einklang zu bringen.

Im März 1922 wurden dann zwei neue Stahlglocken bei der Fa. Ulrich & Weule, ansässig in Apolda und Bockenem, bestellt. Die Glockenweihe fand am Pfingstsonnabend 1922 statt. Der Glockenstuhl mit dem neuen Geläut, versehen mit den Tönen C, ES und G, hatte jetzt stattliche vierzig Zentner zu tragen. Sicherlich das Höchstgewicht, das der hohe und schlanke Kirchturm mit seiner Statik verkraften konnte.

Im Jahr 2010, sechs Jahre nachdem dieser Beitrag entstand, erhielt die Lutherkirche neue Glocken.

Alle drei Glocken waren mit Widmungen bzw. Inschriften versehen. Die obere und älteste von 1674, hatte folgenden Text <Nach der gnadenreichen Geburt Christi des Heilandes, Erlöser, Seligmacher Menschlichen Geschlechts Da sechzehn hundert ward und siebzig vier geschrieben, Als Priester dieses Orts Theodoricus Wieben, Kirchenväter Heinrich Schmid und Nagelschmied Hans Koch, Und Wolfgang Ritzau trug das Schul- und Kirchenjoch Bin ich hier her gehängt den Wächter zum Drummeten, Damit dies Christenvolk die Stimme der Kirchenpropheten Zu hören eilt her. Solt auch Gefährlichkeit Entstehen dass jedermann, wenn ich dröhn, sei bereit. Heisemeier gos mich in Wolfenbüttel>. Die mittlere Glocke, von 1883, weist folgenden Text auf <DEO GLORIA DIE EINWOHNER HARZBURGS 1883 DEM VATERLAND GEOPFERT 1917 ERSATZ 1922>. Auf der Rückseite < Ulrich & Weule Apolda-Bockenem> .

Auf der unteren und größten Glocke steht < EIN FESTE BURG IST UNSER GOTT MICH GOSS ULRICH UND WEULE IN BOCKENEM ALS ERSATZ FÜR DIE 1917 DEM VATERLAND GEOPFERTE GEIßMAR-GLOCKE BAD HARZBURG 1922>

Laut Aussagen einiger Zeitzeugen und Kirchenkenner hatte man vor, die mittlere  Glocke im zweiten Weltkrieg einzuschmelzen. Sie wurde 1944 demontiert und in ein Stahlwerk abtransportiert. Doch es gab scheinbar zum Ende des Krieges keine Möglichkeit mehr, solch eine Aktion durchzuführen. Nach dem Krieg kam sie deshalb über Umwege wieder an ihre alte Stelle zurück.

Bis in die heutige Zeit versieht das Geläut seinen Dienst. Abgesehen von einigen technischen Mängeln der Elektronik, z. B. bei Blitzschlägen, gab es nicht viel auszusetzen. Doch auch an den Glocken ging die Zeit nicht spurlos vorüber. Zusammen mit anderen Einrichtungen, soll das Geläut im Jahr 2004 eingehend geprüft werden. Dann wird man sehen, wie lange die drei Glocken noch über Harzburg klingen. Sollten neue Glocken erforderlich sein, gibt es sicherlich freiwillige Spender und Spendenaktionen, genau wie vor 100 Jahren. 

Solch ein Bauwerk wie die Lutherkirche ist  fast immer auf  Spenden angewiesen, um alles Instand zu halten.  Dazu trägt auch der Verlauf der Umgehungsstraße bei, der direkt seit 1971 an der Kirche vorbeiführt und schon 1978 und 1983 große Renovierungen durch statische Schäden im Inneren dringend erforderlich machte.

Vorgänger der Lutherkirche

Einer der Vorgänger der Lutherkirche war die schon einige Male erwähnte Dorfkirche von Neustadt – Schulenrode. Das Alter dieses Gotteshauses lässt sich nicht mehr genau festlegen. Lange Zeit wurde das Baujahr 1654 angegeben. Beim Abriss der Kirche 1901 fand man Überreste alter Bruchsteinmauern, die von einem Brand im Jahr 1550 stammten. Beim Turmabbau wurde des Weiteren ein kreisrunder Stein mit Inschrift gefunden. Der Text lautete < Anno domini 1592 H: B.>

Damit ist sicherlich das Baujahr der Kirche gemeint. Alle anderen Daten bezogen sich größtenteils auf Veränderungen des Gebäudes. Davon gab es bis zum Jahr des Abbruchs 1901 sehr viele. Nur einige sollen erwähnt werden. Schon im Jahr 1600 wurde der Turm verstärkt und ummantelt. Um dass bisherige Lehm- und Fachwerkgebilde wurde eine Mauer aus Bruchsteinen mit Gips- bzw. Kalkmörtel errichtet. Solch ein Material war für das raue Nordharzklima besser geeignet. Der Turm war 17 Meter hoch und die Ausmaße des Turmgrundrisses betrugen 8,50 mal 6,50 Meter. Die Grundmaße des Kirchengebäudes aus dieser Zeit, sind nicht mehr nachzuweisen.

 Der dreißigjährige Krieg von 1618 bis 1648 verschonte auch Bad Harzburg nicht. Aktivitäten von sogenannten Harzschützen wurden mit der Entsendung von kaiserlichen Truppen beantwortet. Deren Kommandant Oswald von Bodendieck hatte den Auftrag, das Amt Harzburg gründlich zu zerstören. Kaum ein Gebäude kam ungeschoren davon. Sicherlich blieben auch Schäden an der Kirche als geistlichem Mittelpunkt der Gemeinde nicht aus. Ob das Gebäude teilweise oder ganz in Mitleidenschaft gezogen wurde, ist nicht mehr festzustellen.

Fest steht aber, dass 1654, sechs Jahre nach dem Westfälischen Frieden von Osnabrück und Münster, auf den alten Mauern ein neues Kirchenhaus erbaut wurde. Der Kirchturm stand noch, wie alte Urkunden belegen. Die Ausmaße des Gotteshauses betrugen 19,50 Meter in der Länge und 11,50 Meter Breite. Im Inneren war für über 300 Kirchenbesucher Platz. 1674 wurde eine neue Glocke angeschafft, gegossen von der Fa. Heisemeier in Wolfenbüttel. In den Jahren danach wurden nur die notwendigsten Reparaturen durchgeführt. Die Armut war groß, und auch die Nachwirkungen des dreißigjährigen Krieges spürte man noch lange Jahre.

Blick auf Bad Harzburg (Neustadt-Schulenrode) um 1850, in der Bildmitte die Dorfkirche, an deren Stelle später die Lutherkirche rückt.

Im Jahr 1863 gab es dann wieder umfangreiche Umbauten. Verändert wurde der gesamte Innenraum. Dies betraf u. a. die Treppen und die Emporen, die erneuert und vergrößert wurden. Die Treppen verlegte man vom Turmäußeren in den Innenbereich der Kirche. Umgebaut wurden auch die alten Frauen- und Mannesstühle in ungeteilte Bänke, um mehr Sitzplätze zu schaffen. Zusätzlich wurde der Turm mit Zementputz überzogen und das Dach erneuert. Während der umfangreichen und langwierigen Bauarbeiten fand der Gottesdienst in Bündheim statt.

 Im Jahr 1883 wurde eine neue Turmuhr angeschafft. Hersteller war die Firma Weule in Bockenem. Im selben Jahr entschloss man sich zum Kauf einer zweiten Glocke. Die Herstellung lag bei der Firma Radler & Söhne in Hildesheim. Versehen war die Glocke mit folgender Inschrift < Zur Ehre Gottes und zum Andenken An den 400jährigen Geburtstag Dr. M. Luthers. Gottes Wort und Luthers Lehr Vergehen nun und nimmermehr. Mich goss J.J. Radler u. Söhne in Hildesheim 1883>. Zusätzlich war auf beiden Seiten ein Porträt Dr. M. Luthers angebracht. Versehen mit dem Spruchband „Hier stehe ich, ich kann nicht anders, Gott helfe mir, Amen“.

In den letzten Jahren der alten Kirche wurden dann nur noch einige Fenster verändert, um mehr Helligkeit zu schaffen. Für Licht sorgten noch Kerzen, die in der Kirche aufgestellt wurden. Auch die meisten Besucher brachten zu den Gottesdiensten Kerzen mit, um für mehr Wärme und Beleuchtung zu sorgen. An den Straßen brannten damals noch Gaslaternen. „Elektrisches Licht“ gab es in Bad Harzburg erst kurz nach 1900.

In der Zeit vor dem Abriss der alten Dorfkirche machte man sich Gedanken, was mit dem teilweise sehr alten und wertvollen Inventar geschehen solle. Es gab Bestrebungen zum Bau eines Museums an bzw. in der neuen Kirche. Doch obwohl der Neubau andere Dimensionen hatte als das alte Gebäude , wurde der Plan nicht verwirklicht. Daraufhin übernahm man einige Teile in das neue Gotteshaus. Dies waren u. a. zwei Epitaphien, zwei kleinere Figuren und eine Grabplatte, die heute außen an der Kirche ihren Platz hat. Des Weiteren befindet sich im Turmaufgang der Urkundenstein der alten Kirche von 1654. Übernommen wurden auch die beiden Bronzeglocken von 1674 und 1883.

Der Altar kam erst in ein Braunschweiger Museum. Dann war er einige Jahre ausgelagert nach Süpplingen am Elm. Seit 1951 hat er in der Bündheimer St. Andreaskirche seinen Platz und wurde 1985/86 nochmals restauriert. Die alte Turmuhr wurde ebenfalls erhalten und auf dem Dach der Bürgerschule an der Bäckerstr. installiert. Auch die alte Orgel, ursprünglich aus dem Kloster Dorstadt stammend und nicht mehr das neueste Modell, versah noch einige Zeit ihren Dienst in einer kleinen Dorfkirche im heutigen Kreis Wolfenbüttel. Viele alte Sachen, wie Messingleuchter, wertvoll geschnitzte Figuren und andere geistliche Gegenstände, kamen in den Müll.

Noch älter und heute wenig bekannt, war eine Kapelle bzw. Kirche am Fuße des Burgbergs unter der damaligen Harzburg.  Das Gebäude befand sich fast am Ende des Krodotales im späteren Ortsteil Schulenrode. Der Begriff Schulen stammt aus der mittelniederdeutschen Sprache und kommt vom Wort Schaulen. Die Deutung lag bei versteckt oder verborgen liegend. In alten Schriften wird auch eine dichte Dornenhecke erwähnt, die es am Eingang des Tales gab, um den Zugang dorthin zu erschweren. In alten Schriften wurde das Krodotal auch als Tal der Zuflucht bezeichnet.

Als Baujahr des Gotteshauses wurde ungefähr 1073 angegeben. Erbauer der einschiffigen Kirche dürfte der Baumeister Heinrichs IV., Benno von Osnabrück, gewesen sein. Die Grundmaße des im romanischen Stil erbauten Gebäudes betrugen über 20 Meter äußere Länge. Die äußere Breite war mit 11,90 Meter angegeben. Das Kirchenschiff hatte eine Länge von 18,20 Meter und eine Breite von ca. 10 Metern. Als Baumaterial wurde vorwiegend Kalksandstein, aus Harzer Bruchsteinen gewonnen, verwendet. Für die Fundamente nahm man sogenannten Grauwacken-Hornfels.

Ein hartes Gestein, das sicherlich auch in der näheren Umgebung abgebaut wurde. Die Kirche hatte einen westlichen Vorbau und eine Apsis nach Süden hin. Bei Ausgrabungen wurde festgestellt, dass die Grundmauern des westlichen Anbaues auf eine besondere feste Bauweise hinwiesen. Daraus ergab sich der Schluss, dass dort nicht nur eine einfache Eingangshalle war, sondern ein Turmvorbau auf dem sich evtl. der Glockenturm befand.

Diese Kirche bzw. Kapelle stand dort bis ins hohe 13. Jahrhundert. Bei späteren Ausgrabungen und bei der zunehmenden Bebauung des Krodotales, fand man viele Gegenstände und andere Mauerreste. Daraus konnte geschlossen werden, dass sich außer der Kirche noch einige andere Gebäude dort befanden. Es handelte sich dabei sicherlich um Unterkünfte für Geistliche und deren Bedienstete. Des weiteren wurde berichtet, dass um 1750 noch Grundmauern der Kirche sichtbar gewesen seien.

Ausgrabungen im Krodotal gab es in früheren Jahren auch des öfteren. Eine bedeutende Grabung nach Kirchenresten begann im August 1899. Ein Beteiligter war u. a. der Forstrat Nehring. Auf Grund seiner Erkenntnisse aus diesen Grabungen und seinem Geschichtsinteresse, wurde er 1902 Mitbegründer des Harzburger Altertums- und Geschichtsvereins, vollzogen im ehem. Hotel Stadt London. Die nächste Aktion an dern alten Kapelle folgte 1905/06. Weitere Nachforschungen fanden auch in den dreißiger Jahren statt. Die letzte größere Ausgrabung gab es in den Jahren 1948 und 1949. Bei diesen letzten Aktionen wurden auch viele Erkenntnisse gesammelt, die in der heutigen Zeit von Geschichtsinteressierten und Heimatkundlern noch verwertet werden. Ansonsten erinnert nur noch der Kapellenweg, im Volksmund früher auch Kirchweg genannt, an das ehemalige Gotteshaus im Krodotal.


Der Beitrag entstand um das Jahr 2004

Mehr Fotos rund um die Lutherkirche auf Harz-History

Mit einer Artikelserie ging auch der Uhlenklippenspiegel des Harzburger Geschichtsverein auf die Lutherkirche ein:

100 Jahre Lutherkirche (Hans Herrmann Wedekind) 060/2001

100 Jahre Lutherkirche, Teil 2 (Hans Herrmann Wedekind) 061/2002

100 Jahre Lutherkirche, Teil 3 (Hans Herrmann Wedekind) 062/2002

100 Jahre Lutherkirche, Teil 4 (Hans Herrmann Wedekind) 063/2002

100 Jahre Lutherkirche, Teil 5 (Hans Herrmann Wedekind) 064/2002

100 Jahre Lutherkirche, Teil 6 (Hans Herrmann Wedekind) 965/2003

Villa Wessel | NIG

Villa Wessel | NIG
Mit ihrem markanten Turm sticht die Villa Wessel zu allen Zeiten selbst aus dem Bad Harzburger Villenviertel heraus. Aufnahme aus den 1920er Jahren.

Von der Villa Wessel ins NIG

Vor mehr als einhundert Jahren wurde ein großes markantes Gebäude an der Amsbergstraße in Bad Harzburg fertiggestellt. Bauherr war der Geheime Kommerzienrat Carl Wessel, geboren am 15. November 1842 in Barmen. Carl Wessel war der Sohn eines Kaufmanns und absolvierte nach seiner Schulzeit ebenfalls eine Kaufmannslehre. Eine spätere Tätigkeit führte ihn zur Sodafabrik von Matthes und Weber in Duisburg.

Der Geheime Kommerzienrat Carl Wessel

Um 1875 kreuzten sich die Wege von Carl Wessel und der Gebrüder Alfred und Ernest Solvay, zwei belgischen Sodafabrikanten. Beide besaßen in Deutschland schon eine Sodafabrik, im idyllischen badischen Ort Wyhlen gelegen. Zusammen ging man daran, weitere Standorte für Sodafabriken in Deutschland zu suchen. Im Jahr 1880 wurde bei Bernburg, heute Sachsen-Anhalt, der geeignete Platz gefunden und bis 1883 eine große Sodafabrik fertiggestellt.

Direktor des Werkes wurde Carl Wessel. Unter seiner Leitung vergrößerte sich das Werk ständig. Es gab bald die Sodafabrik II, ein Kaliwerk, eine Chlorkaliumfabrik und mehrere Steinbrüche. Bis 1885 befanden sich die Solvay-Werke im persönlichen Eigentum der Gebrüder Solvay. Danach setzte sich Carl Wessel für die Umwandlung der Firma in eine Aktiengesellschaft ein. Neuer Name der Betriebe wurde Deutsche Solvay-Werke AG mit Sitz in Bernburg.

Zeitsprung: In den 1990er Jahren gab es den alten Namen Solvay auch in Bad Harzburg  (1996 – 2002). Es handelte sich um den Nachfolgebetrieb der Firmen Schardmüller und Helphos auf dem ehemaligen Gelände der Bündheimer Grube Friederike. Aus der einstigen Firma Solvay war im Lauf der Jahre ein weltweit agierendes Firmengeflecht geworden.

Im öffentlichen Leben von Bernburg spielte Carl Wessel fast einhundert Jahre zuvor eine gewichtige Rolle. Eine Reihe von Jahren war er Stadtverordneter, dann deren Vorsteher. Anschließend wurde er zum Stadtrat ernannt. In späterer Zeit (1903) wurde er Abgeordneter für die National-Liberale-Partei im Deutschen Reichstag. 1899 erhielt er den Titel „Geheimer Kommerzienrat“.

Im selben Jahr führten die Wege von Carl Wessel auch nach Bad Harzburg. Er erwarb unter anderem ein größeres Grundstück an der Amsbergstraße. Das Areal lag früher zwischen den Villen von Carl Löhr und Friedrich Vogeler. Beiden Familien gehörte nacheinander das 1867 gegründete Löhr`s Hotel, das es bis 1935 an der Herzog-Wilhelm-Straße gab.

Zur damaligen Zeit waren Grundstücke an der Amsbergstraße, benannt nach dem Direktor der ersten Deutschen Staatseisenbahn, Phillip August von Amsberg, heiß begehrt. Sei es als Kapitalanlage oder als Bauplatz für Sommer- und Ruhestands-Wohnsitze, wie es sicher Carl Wessel für seine Familie und sich nach einem schaffensreichen Leben geplant hatte.

Den ersten Bauantrag für eine Villa stellte Carl Wessel am 24. März 1900. Dieser Bau wurde jedoch nicht ausgeführt, wie eine Aktennotiz im Herzoglichen Bau-Register des Amtsbezirks Harzburg zeigt. 1901 wurde aber schon ein Pförtnerhaus direkt an der Amsbergstraße erbaut. Welches imposante Gebäude auf dem Gelände einmal entstehen sollte, wussten wahrscheinlich nur Carl Wessel und einige Familienmitglieder. Auch zur damaligen Zeit mussten wohl Anlieger und Behörden vom Bau solch eines großen Gebäudes überzeugt werden.

Ein zweiter Antrag für den Bau der Villa erfolgte im Juni 1902, diesmal mit Erfolg. Fertiggestellt wurde das Gebäude im Lauf des Jahres 1904. Die Rohbaukosten betrugen stattliche 300.000 Mark. Bewohnbar war die Villa zum Jahreswechsel 1904/05.

Federführender Architekt war der Königliche Geheime Baurat Franz Schwechten. Er schuf unter anderem die Berliner Gedächtniskirche, den Anhalter Bahnhof, die Berliner Synagoge und auch die Deutsch-Englische Kirche in Rom. Die Bauleitung vor Ort für die neue Villa hatte jedoch der Architekt Alfred Mustroph inne.

Nachempfunden wurde das Gebäude der Burg Eltz, an einem Seitental der Mosel gelegen. Alle Zimmer und auch Dielen des großen Hauses wurden großzügig angelegt. Schmuckstück war die Bibliothek im Turmzimmer mit herrlichem, unverbauten Blick über Bad Harzburg. In der ersten Zeit nach Fertigstellung wurde die Villa meist als Zweit- und Sommerwohnsitz genutzt.

1907 wurde Carl Wessel Ehrenbürger von Bernburg. In dieser Zeit begann ein langsamer Rückzug aus seiner Firma. Im Sommer 1908 schied er gänzlich aus, und der erste Wohnsitz für Familie Wessel wurde Bad Harzburg. Am 16. Juni 1912 verstarb Carl Wessel in Bad Harzburg. Einige Jahre später folgte ihm 1929 seine Ehefrau Berta. Das ganze Vermächtnis, zu dem auch ein Wirtschaftshof an der Bismarckstraße gehörte, wurde nun von Wessels Erben geleitet. Das Ehepaar Wessel hinterließ drei Töchter und einen Sohn.

Im Jahr 1941 erwarb das Land Braunschweig Grundstück und beide Villen an der Amsbergstraße. Man hatte vor, in den Gebäuden Zweigstellen ihrer Heimschulen zu errichten. Die Heimschulen dienten als Zubringer für die Kant-Hochschule in Braunschweig.

Initiator der Heimschulen war der Studiendirektor Otto Hügel. Aus den Plänen wurde zunächst nichts, weil Harzburg bekanntermaßen im Krieg als Lazarettstadt ausgewiesen war. Alle größeren Gebäude wurden erst mit Verwundeten und später mit Flüchtlingen belegt.

Am 6. Mai 1946 fand schließlich die erste Eröffnungskonferenz des Lehrerkollegiums statt. Die Damen u. Herren der ersten Stunde waren laut Protokoll : Dir. Dr. Mischke, Frau Dr. Wittlake, Frau Dr. Schwidefski und Frau Hering als Heimleiterin. Weiterhin waren anwesend: Frau Lerke, Frau Saal und Frau Thömmes. Nächster Leiter der Schule wurde 1946/47 Direktor Dr. Carl Pfeffer aus Bad Harzburg. Das Institut hatte in dieser Zeit den Charakter einer Volksoberschule.

Der fantastische Blick im Jahr 1953 aus dem Turmzimmer der Villa Wessel über die Stadt Bad Harzburg.

Als Dr. Pfeffer plötzlich verstarb, folgten kurz hintereinander Dr. Karl Mielke und Dr. Anneliese Lehnhoff in der Schulleitung. Die Schule nannte sich inzwischen Aufbauschule im Entstehen, unterrichtet wurden 30 Schülerinnen. Es wurde daran gearbeitet, irgendwann erste Abitur-Prüfungen der Schülerinnen abzunehmen. Integriert war von 1949 an auch eine Abteilung, die das Fach Hauswirtschaft anbot.

In den Jahren 1949/50 wurden beide Gebäude, die ehemalige Villa Wessel als Haupthaus und die ehemalige Villa Vogeler, baulich miteinander verbunden. Am 1. April 1951 konnte die staatliche Heimschule für Mädchen, wie das Institut jetzt hieß, in das Verzeichnis für höhere Schulen aufgenommen werden. Somit konnten jetzt endlich Reifeprüfungen abgenommen werden.

1955 kam noch ein weiteres Gebäude zum bestehenden Schultrakt hinzu. Es handelte sich um die ehemalige Villa des Staßfurter Fabrikanten Paul Hecker gleich nebenan.

Die Zeit von Dr. Anneliese Lehnhoff an der Schulleitung dauerte bis 1959. Ihr folgte bis 1978 Frau Ruth Gieseler. 1960 wurde der bestehende Zwischenbau vergrößert, um mehr Platz für eine größere Aula zu schaffen. In den Jahren 1966/67 kam als Neubau das „Töchterheim“ hinzu.

Das Jahr 1972 brachte die Umwandlung in eine gemischte Heimschule. Zum ersten Mal wurden Jungen in eine Klasse aufgenommen. Diese stammten zumeist aus der Wolfenbüttler Heimschule, in der nur männliche Schüler unterrichtet wurden. Später wurde dieses Institut nach und nach geschlossen.

Es konnten durch die Erweiterungsbauten jetzt rund 200 Schülerinnen und Schüler unterrichtet werden. Seit Anfang der siebziger Jahre besteht auch eine Kooperation mit dem Werner-von-Siemens-Gymnasium. Jürgen Krolow übernahm am 9. Januar 1979 die Nachfolge von Ruth Gieseler.

1980 gab es wieder einen neuen Namen für die Schule. Sie nennt sich bis in die heutige Zeit Niedersächsisches Internatsgymnasium, kurz NIG. Der alte Name Heimschule passte nicht mehr in die Zeit, weil er wohl in Teilen der Bevölkerung als Begriff für Jugend- und Erziehungsheim missverstanden wurde.

In den nächsten Jahren ging der Trend dahin, dass immer mehr Tagesschüler das NIG besuchten. Ein Heimplatz kostete 1993 immerhin 650 DM im Monat. Das Lehrerkollegium zählte zu dieser Zeit rund 25 Lehrkräfte.

1994 wurde für das NIG fast zum Schicksalsjahr. Das Land Niedersachsen, bis dato Träger der Schule, wollte im Rahmen von Sparmaßnahmen zum Jahresende die Schule schließen. Für das NIG begann eine heiße Phase. Eltern, Schüler, Lehrkräfte, Lokalpolitiker und Teile der Bad Harzburger Bevölkerung kämpften für den Erhalt der Schule. Der Erfolg kam kurz vor Jahresende. Es einigten sich Stadt, Kreis und Land Niedersachsen über die jeweilige Kostenverteilung für das Gymnasium. Somit war der Erhalt der Schule für Bad Harzburg gesichert.

Die Villa Wessel im Jahr 2004 als Bestandteil des Niedersächsischen Internatsgymnasiums.

1996 feierte man das 50-jährige Bestehen der Schule. Im Jahr 2002 ging der langjährige Schulleiter Jürgen Krolow in den Ruhestand und Ursula Rasch übernahm die Leitung des Gymnasiums bis zu ihrem Ruhestand 2008.  Die Schulleitung ging danach an Herrn Urban.

Unterrichtet werden heute rund 340 Schülerinnen und Schüler, davon 60 Prozent intern untergebrachte Abi-Anwärter. Der Lehrkörper umfasst zurzeit 32 Personen. Von den intern untergebrachten Schülern bewohnt einer auch das Turmzimmer. Immer noch mit herrlichem, unverbauten Blick auf unsere Stadt, wie vor 105 Jahren zu Zeiten von Carl Wessel.


Der Beitrag erschien auch im Uhlenklippenspiegel 77/2006: Villa Wessel, das heutige Niedersächsische Internatsgymnasium (Harry Plaster)

Weitere Fotos rund um die Villa Wessel und das NIG auf Harz-History

Salzschreiberhaus

Salzschreiberhaus
Altes Salzschreiberhaus mit Bad Juliushall um 1870

Das alte Salzschreiberhaus

An der vor 170 Jahren eingeweihten Ilsenburger Straße gibt es ein Gebäude mit einer sehr langen Geschichte, obwohl es dort erst 100 Jahre steht. Das Haus hat die alte Ass-Nr. 639, danach die ehemalige Hausnummer 28. ausnummerH Es ist heute mit der Hausnummer 40 versehen. Einst jedoch gehörte das Gebäude zum Komplex der ehemaligen Harzburger Saline Juliushall. 

Diese lag in etwa zwischen der heutigen Schmiedestraße, der Herzog-Julius-Straße, der Straße  Am alten Salzwerk und der Radau. Fertiggestellt wurde es laut Amtlichem Harzburger Bauregister auf einem größeren Grundstück an der Ilsenburger Straße im Jahr 1912. Bauherr war der Bad HarzburgerarzburgewrH Rechtsanwalt Eduard P.G. Edner.

Bestand hatte die Saline von 1575 bis um 1850. Benannt nach ihrem Namensgeber, dem Herzog Julius von Braunschweig und Wolfenbüttel. Geboren im Jahr 1528 und gestorben Anno 1598. Seine Amtszeit ging von 1568 bis 1589.

Das Salzschreiberhaus muss wohl zu den ältesten Gebäuden gehört haben. Laut alter Akten ist es vor 1626 erbaut. In diesem Jahr brannte es ab. Es wurde dann wieder aufgebaut und diente bis um 1849 weiter als Salzschreiberhaus.

Im Jahr 1758 weilte Heinrich Prinz von Preußen mit Gefolge in dem Gebäude. Er war wegen der Franzosenkriege auf Durchreise in Neustadt-Schulenrode, wie Bad Harzburg damals noch hieß. Salz hatte in diesen Zeiten einen hohen Stellenwert. Es wurde nicht umsonst als weißes Gold bezeichnet.

Somit hatte auch das Amt des Salzschreibers eine hohe Bedeutung. Dieser war direkt dem Herzog unterstellt und verwaltete den Handel mit der wertvollen Ware. Sein wichtigstes Hilfsgerät war die sogenannte Salzspindel/Salzwaage, für den täglichen Gebrauch.

Zumeist wurde das Salz aber zuerst in größeren Blöcken gewonnen, ehe es dann zerkleinert in den Handel kam. Evtl. hatte der Salzschreiber auch mit dem Entrichten der Salzsteuer zu tun, die in früheren Zeiten mancherorts erhoben wurde.

Nachdem der Salinenbetrieb ab 1849 nach und nach eingestellt wurde, verkaufte die Herzogliche Kammer im Jahr 1851 die Saline und Teile des großen Grundstückes. Erworben hatte es der Zimmermeister Martin Scheibe. Dieser erbaute dann ein Solbad sowie eine Wasser- und Molkenheilanstalt auf dem Gelände.  Das ehemalige Salzschreiberhaus wurde mit einbezogen und diente u. a.  als Unterkunft für Erholungssuchende.

1853 wurde der Architekt und Kaufmann E. Pfeiffer Miteigentümer dieser Anlage auf dem ehemaligen Salinengelände. Zusätzlich kam zu den Kur-und Badeeinrichtungen ein Hoteltrakt hinzu. Nach und nach verschwanden die alten Anlagen der Harzburger Saline.

Im Jahr 1883 ging der Komplex an Gustav Pohl aus Hamburg und den Baron Freiherr Friedrich. v. Asche. Beide Kaufleute waren auch Begründer der Harzburger Brunnengesellschaft, heute als Bad Harzburger Juliushaller Mineralbrunnen bekannt.

Im Jahr 1897 erwarb die Stadt Harzburg einen Teil des Geländes. Danach wurden das Städtische Badehaus und die Wandelhalle dort errichtet. Dafür mussten noch mehr Gebäude der alten Saline den neuen Bauten weichen. So auch um 1910 das ehemalige Salzschreiberhaus. Es ist aber nicht wie andere Gebäude beim Abriss zerstört worden. Die einzelnen Bauelemente wurden danach für einige Zeit zwecks späterer Wiederverwendung eingelagert. 

In den Jahren 1911/12 erbaute dann Familie Edner aus dem vorhandenen Material ihr Wohnhaus auf einem größeren Grundstück am Stübchenbach an der Ilsenburger Straße. Schon aus der Original-Bauzeichnung konnte man ersehen, dass das neue Haus bis auf einige Kleinigkeiten  mit dem alten Gebäude identisch war.

Ebenfalls befand sich in dem neuerbauten Haus noch eine Erinnerungstafel, die an den Besuch des Prinzen von Preußen im Jahr 1758 erinnerte. Die Inschrift lautet: „In den Krieg wider die Franzosen“. Nach Familie Edner gab es in den zwanziger Jahren mit Marie von Fragstein die nächste Eigentümerin des Gebäudes. In dieser Zeit bekam das Haus eine zweiseitige Holzverschalung.  Das Fachwerkgebilde wurde dadurch abgedeckt, wie es uns ein altes, aber leider undatiertes Foto zeigt. Der Name Fragstein blieb bis in die siebziger Jahre mit dem Haus verbunden. Das Gebäude zeigte sich heute weiter mit einer sehenswerten Fachwerkfassade.


Mehr Bilder rund um das Thema Juliushall unter Harz-History

Die Erz-Seilbahn

Die Erz-Seilbahn
Die Grube Friederike in Bündheim, Startpunkt der Erzseilbahn zur Mathildenhütte.

Die Erzseilbahn von der Grube Friederike zur Mathildenhütte

Bevor es die im Sommer 1929 eingeweihte Kabinen-Seilschwebebahn zum Burgberg in Bad Harzburg gab, versah schon einige Jahre eine industriell genutzte Draht-Seilbahn ihren Dienst im Amtsbezirk Bad Harzburg. Es handelte sich um die Erzseilbahn von der Bündheimer Grube Friederike zur Mathildenhütte in Westerode. Endgültig geplant wurde sie vor achtzig Jahren, zum Ende des Jahres 1924.

Der offizielle Bauantrag durch die Elsass-Lothringer Erzbergbau-AG erfolgte schließlich am 17. Juni 1925 unter der Register-Nr. 1540 bis 1545 im Bau-Register des Amtsbezirks Harzburg.  Zuständig war die damalige Herzogliche Kreisdirektion zu Wolfenbüttel. In dem Antrag wurde die Seilbahn als Neunbrücken-Bauwerk bezeichnet. Wahrscheinlich in Anlehnung an die Masten und Seilbahnbrücken, auf der die Lorenbahn einige Straßen und Plätze überqueren musste.

Die Hansa-Seilbahn mit Blick auf die Mathildenhütte um das Jahr 1915

Doch zwischen der Planung und dem Bauanfang waren noch einige Hindernisse für die Antragsteller zu überwinden. So gab es verschiedene Haus- und Grundstückseigentümer, die mit dem Streckenverlauf des Bauwerkes nicht einverstanden waren.

Als eine gütliche Einigung nicht absehbar war, wurde mit Zwangsenteignung seitens der Antragssteller gedroht. Ende des Jahres 1924 wurde dann von der damaligen Landesregierung ein solches Verfahren eingeleitet.

Zusätzlich gab es aber ein unabhängiges Gutachterurteil aus Wolfenbüttel. Es ging dabei über die Höhe der Entschädigungen bei Grundstücksbeeinträchtigungen durch den Bau von Stützen, diversen Leitungen und auch über die zu erwartende Geräuschentwicklung im Fahrbetrieb der Bahn. Dies galt sicherlich besonders bei nächtlichem Verkehr der Bahn, denn die Mathildenhütte und die Grube Friederike arbeiteten bei Hochbetrieb zeitweilig in drei Schichten rund um die Uhr.

Als die langanhaltenden Streitigkeiten beendet waren, wurde der Bauauftrag an die Magdeburger Firma H. H. Mackensen vergeben. Fertigstellung der Seilbahn war nach kurzer Bauzeit am 21. Juni 1926, die Bauabnahme erfolgte zwei Tage später.

Vorbei waren damit die Jahre, in denen Pferdefuhrwerke von bestellten Fuhrunternehmern den langen Weg von der 1863 vollständig eröffneten Grube Friederike zur Mathildenhütte zurücklegten. Pferdeställe für hütteneigene Pferdegespanne gab es aber auch zur damaligen Zeit. So u. a. an der Grube Friederike und der Mathildenhütte.

Dann gab es einen Pferdestall an der Hüttenstraße, heute An den Weiden genannt. Ein weiterer Stall für Pferde befand sich an einer von zwei damaligen Zementfabriken. Eine gehörte zur Mathildenhütte und die andere, etwa am heutigen Tennisweg befindliche, hatte den Namen Hercynia. Das letzte Pferdegespann für werksinterne Fahrten für die Grube Fiederike und Mathildenhütte gab es noch bis um 1957. Der Gespannführer damals hieß Otto Roß.

Der gesamte Verlauf der sogenannten Hängelorenbahn, berührte die drei heutigen Ortsteile Bündheim, Schlewecke und Westerode. Die gesamte Länge betrug fast zweieinhalb Kilometer. Eine Lore brauchte etwa 24 Minuten für die Strecke. Die Transportkapazität aller Loren, die im Durchschnittsabstand von 100 Metern fuhren, schaffte in acht Stunden die Menge von stattlichen 560 Tonnen Eisenerz zur Mathildenhütte, als Endpunkt der Bahn.

Aufnahme aus dem Jahr 1955: Die Loren an der Seilbahn überqueren die Straße An der Radau und den Bachlauf.

Der Antrieb der Lorenbahn, erfolgte mit einem starken E-Motor. Installiert auf der Grube Friederike. Mittels mehrerer Seilscheiben, die ähnlich einer Kupplung wirkten, wurde die Kraft auf das Zugseil der Bahn übertragen.

Doch bevor die Loren an der Mathildenhütte ankamen, mussten diese einige Straßen, Plätze und damals noch freie Wiesen überqueren. Die erste Brücke überspannte schon nach wenigen Metern vom Ausgangspunkt den Grubenweg. Es folgte ein Mast und eine Station ungefähr dort, wo sich heute die Straße Am Lehen befindet.

Die nächste Brücke stand an der Silberbornstraße, die Bahn überquerte dort den Schlosspark. Danach folgte eine Überführung über die damalige Triftstraße, der heutigen Straße Am Schlosspark. Der weitere Verlauf mit einer Brücke ging über den jetzigen Lindenbruchweg, im Volksmund als „Verbotener Weg“ bekannt. Nun stand das nächste Bauwerk über die alte Bundesstraße sechs, von Goslar nach Bad Harzburg führend, in Nähe des heutigen Koppelweges. Weiter ging es dann über die Straßen Im Troge und Hopfengarten, danach über die Scharenbergstraße vorbei am heutigen Berggarten in Richtung Messinghütte und Pfarrer Hackethalstraße.

Jetzt war man im Ortsteil Schlewecke und es folgte eine Brücke über die Breite Straße. Die Bahn führte dann über die Deilich, wo sich heute das Schulzentrum, Kindergärten und die Turnhalle befindet.  Sie überquerte die Radaustraße und verlief am ehemaligen Sportplatz des Fußballvereins Gün-Weiß Schlewecke vorbei. Danach musste der Verlauf der Bahn über die Radau, die Bahnlinie Goslar-Harzburg und über die Bahnhofstraße gelegt werden.

Die Loren befanden sich jetzt in Westerode und als letztes Bauwerk kam die sogenannte Winkelstation, ehe die Loren in einer Überführung direkt über einige Wohngebäude der Mathildenhütte zum Endpunkt gelangten. Die zwei langgestreckten Wohnanlagen wurden vornehmlich für Hütten- und Grubenarbeiter in den Jahren 1914 bis 1924 erbaut.

An der Winkelstation waren viele tonnenschwere Steinblöcke angebracht, um die verschiedenen Seile der Bahn gleichmäßig straff zuhalten. Zeitzeugen, die in der Nähe der Station wohnten, berichten, dass wenn einmal ein Seil riss, es einen mächtigen Knall gab und die ganze Anlage und Umgebung erschütterte wie bei einem Erdbeben.

Fußball unter schwebenden Erzloren: Der Sportplatz von Grün-Weiß Schlewecke im Jahr 1958.

Nachdem die Loren ihre Reise nun beendet hatten, wurde das Erz verarbeitet.  Als die 1861/62 von Konsul Meyer und Bergwergsdirektor Castendyck gegründete Mathildenhütte ihren Betrieb um 1940 endgültig einstellte, wurden Teile der Anlage umgebaut und nur noch als Erzverladestation genutzt.

In dieser Zeit gab es noch eine zweite Erzseilbahn, an die kurz erinnert werden soll. Die zweite Seilbahn kam von der Grube Hansa, jeweils in Göttingerode und Harlingerode gelegen. Das besagte Bauwerk gab es schon von 1903 an und versah bis um 1940 seinen Dienst. Danach wurde die Anlage bis 1943 demontiert und in Konin im ehemaligen Warthegau (heute Polen) wieder verwendet. Ersetzt wurde die Seilbahn in Harlingerode durch eine Kettenbahn vom Grubengelände über die Landstraße, dann weiter zu einem Gleisanschluss in Bahnhofsnähe. 

Die Eisenerze der Grube Friederike, der Grube Hansa und einer weiteren Anlage in Echte, die zur jetzigen Harz-Lahn-Erzbergbau AG mit Hauptsitz in Weilburg gehörten, wurden größtenteils in Dortmund-Rheinhausen verhüttet. Später kamen die Transporte mit bis zu 15 Waggons und meistens mit zwei Lokomotiven bespannt nach Salzgitter.

Wegen der zu geringen Eisenerzanteile im Gestein der hiesigen Gruben im Vergleich mit anderen Erzlieferanten kam am 16. August 1963 das Ende der Erzförderung auch in Bündheim. Es war ein wehmütiger Tag, als die letzte Lore geschmückt und gefüllt mit Erz an der Mathildenhütte ankam. Das gleiche Schicksal traf einige Jahre vorher auch die beiden anderen erwähnten Gruben, wobei die Schließung der Grube Hansa im Jahr 1960 erfolgte.

In den Jahren 1963/64 wurden die ganzen Anlagen in Bündheim, Schlewecke und Westerode demontiert. Größere Zwischenfälle oder Unfälle im Betrieb der Bahn sind nicht bekannt. Jedoch landete manche Erzladung der Loren in Gärten, weil sich die Arretierungshaken der Gondeln irrtümlich lösten.

Die Lorenbahn wurde regelmäßig gewartet. Der Vater des Autors war als Schlosser und Schmied bei der Grube Friederike angestellt. Ihm oblag es mit seinen Kollegen die Zug- und Tragseile der Lorenbahn zu überprüfen. Das hieß, man musste eine Lore besteigen und bei der Fahrt von der Grube Friederike zur Mathildenhütte die Seile in Augenschein nehmen. Sicherlich wurde dies auch dokumentiert.

Auf dem Gelände der ehemaligen Grube Friederike befindet sich jetzt die Firma Mann und Hummel, ein großer Zulieferbetrieb für die Kfz-Industrie. An der Mathildenhütte erinnert auch nicht mehr viel an vergangene Zeiten. Einzig ein altes Waagehaus ist noch übergeblieben, es steht dort heute noch und dient als Gartenhäuschen. Von der späteren Erzverladestation stehen noch einige Gebäude, die u. a. als Wohnhaus und für einen Getränkemarkt der Firma Lipper dienen.


Der Beitrag wurde auch im Uhlenklippenspiegel, Ausgabe 133/2022, veröffentlicht. Ein weiterer Beitrag zum Thema: „Demontage der Erzseilbahn von der ehemaligen Grube Friederike zur Mathildenhütte (Harry Plaster)“ | Ausgabe 076/2005

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Francisco d´ Andrade

Francisco d´ Andrade

Francisco d´Andrade in Bad Harzburg

Geboren wurde der berühmte Opernsänger Francisco d´Andrade am 11. Januar 1859 in Lissabon. Nach seiner Schulzeit widmete er sich zuerst dem Studium der Rechtswissenschaft. Im Jahr 1881, mit 22 Jahren, nahm er dann Gesangsunterricht in Mailand. Seine Lehrer waren u. a. die Maestros Miraglia und Monconi. Zwei bekannte Gesangslehrer ihrer Zeit, in dieser großen Opernmetropole.

Inspiriert worden war d´Andrade sicherlich von der Karriere seines älteren Bruders Antonio, einem bekannten Tenor, der auch in der Londoner Covent Garden Opera aufgetreten war. In der Familie d´Andrade, versehen mit einem alten portugiesischen Namen, soll es neben Antonio mit Giovanni noch einen weiteren Bruder gegeben haben. Doch mit Gesang hatte dieser wohl nichts im Sinn.  Schon 1882, also ein Jahr später, hatte Francisco d`Andrade sein Bühnendebüt in San Remo als Amonasro in der Oper Aida.

Francisco d´ Andrade, porträtiert von Max Slevogt

Danach ging seine Gesangskarriere steil nach oben und er feierte große Erfolge an den Bühnen in Italien, Spanien und Portugal. Darunter der Mailänder Scala und dem Theatro Constanz in Rom. Im Jahr 1886 dann sein erstes Gastspiel, wie einst sein älterer Bruder, an der Covent Garden Opera in London. Die Bühne auf der Francisco d`Andrade in der  Folgezeit bei  großen Konzerten und Opernarien stets gefeiert wurde.

Im Jahr 1889 zog es ihn nach Berlin. Auch hier feierte er große Erfolge, u. a. an der Berliner Hofoper. Dort war er mit Unterbrechung durch den ersten Weltkrieg in den Jahren 1906 bis 1919 regelmäßig zu Gast. Von Berlin war er so begeistert, dass er hier in einer großen Villa eine Etage mit über 20 Zimmern erwarb. Viel Platz für seine Frau Irma, Sohn Francisco jr. (um 1905 geb.) und für ihn selber.

Neben Berlin muss er aber auch von Bad Harzburg sehr angetan gewesen sein. Wie die Verbindung beider Städte für ihn zustande kam, ist nicht genau bekannt.  Aber sicherlich kannten viele damals auch schon in Berlin die Vorzüge des aufstrebenden Kur- und Heilbades Bad Harzburg.

Francisco d´ Andrade jedenfalls erbaute 1898/99 eine luxuriöse Sommervilla an der Nordhäuserstraße. Die Nordhäuserstraße war damals noch die Verlängerung der Herzog-Wilhelm- und Herzog-Julius-Straßeerzog-Julius-Str.herzog in Richtung Torfhaus und den Oberharz. Das Gebäude bekam zuerst die Ass-Nr. 492, später dann die Hausnummer 12. 

Die Villa lag am Fuß des Ettersberges, unterhalb der Villa des Berliner Industriellen Werner v. Siemens (1816-1892), die bis 1909 dort stand. Danach wurde die Siemens-Villa abgerissen und bis 1912 das Erholungsheim Siemens-Ettershaus erbaut.

Die Villa der d‘Andrades im Rokokostil wurde aus besten und edlen Materialien errichtet, die eigens aus südlichen Ländern herangeschafft worden. Leider zeigte sich einige Jahre später, dass diese Baustoffe die Feuchtigkeit und die langen, kalten Winter im Harzburger Radautal nicht sonderlich vertrugen.

Bei seinen Aufenthalten in der Bad Harzburger Villa, konnte sich Francisco d`Andrade fernab der Großstadt mit seiner Familie von seinen vielen Auftritten und den damit verbundenen Reisen erholen. Er war zu Gastspielen in ganz Europa unterwegs. Seine Paraderollen waren inzwischen der „Don Giovanni“ aus W. A. Mozarts gleichnamiger, berühmter Oper. Außerdem noch die des „Figaro“ aus dem Barbier von Sevilla von Ghioaccini Rossini.

An dieser Stelle soll an ein weiteres Kapitel im Leben des Sängers erinnert werden. Es geht um die langjährige Freundschaft zu dem Maler Max Slevogt (1868-1932) und dessen Frau Antonie, genannt Nini. Max Slevogtn  einer der bedeutendsten impressionistischen Maler in Deutschland, porträtierte den Sänger in dieser Zeit einige Male. Das bekannteste Gemälde, dürfte „Das Champagnerlied“, genannt auch „Der weiße d`Andrade“ sein. Es entstand 1902 und befindet sich heute in der Staatsgalerie in Stuttgart.

Daneben gibt es u. a. noch weitere Werke von Slevogt mit F.d´Andrade. So den „Schwarzen d´Andrade“ und auch private Darstellungen, wie den Sänger in seiner Villa, eine Zeitung lesend. Einige Werke davon entstanden in Bad Harzburg, wenn das Ehepaar Slevogt bei Familie d´Andrade zu Gast war. Zuweilen sahen auch einige Bad Harzburger dann Antonie Slevogt eine dicke Zigarre rauchend auf der Veranda oder im Garten des großen Grundstücks. 

Was viele von Max Slevogt nicht wussten: Auch er war ein hervorragendes Musiktalent, besaß eine sehr gute Stimme und spielte glänzend Klavier. Fast wäre er deswegen ebenfalls Sänger geworden.

Francisco d´ Andrade in einer seiner Paraderollen als Figaro im „Barbier von Sevilla“

In Bad Harzburg selbst trat Francisco d`Andrade nur zweimal öffentlich auf. Der erste Auftritt war am 4. August 1903. Der Erlös ging in den Spendenfonds zum Bau der neuen Lutherkirche. Das zweite Konzert fand am 3. August 1904 statt. Hierbei ging es um die Unterstützung des Harzburger Kurtheaters. Wie damals berichtet, war der berühmte Sänger desöfteren zu Gast in dieser kulturellen Einrichtung.

Francesco d´ Andrade war auch einer der ersten, der in Bad Harzburg ein Automobil steuerte. Es gibt zwei eindeutige Fotos von 1905 und 1907, die Francisco d´Andrade am Steuer seines Wagens und Frau Irma als Beifahrerin vor der Harzburger Villa zeigen.  Das Auto war bezeichnenderweise ein „Motorwagen Benz Parsifal“. Dieses Modell gab es je nach Ausstattung und Motorisierung von acht bis dreißig PS. Die Höchstgeschwindigkeit betrug ca. 50 km/h und die Preise fingen bei 7000 RM an.

Ein anderer Kandidat fürs erste Bad Harzburger Automobil, soll der Graf Vitzum zu Eckstedt gewesen sein, der in der Kurstadt ebenfalls eine ansehnliche Villa besaß.

Um 1905 kam im Hause d´Andrade dann Sohn Francisco jr., genannt Chico, zur Welt. Als Kind galt er als sehr schüchtern und hatte wohl auch wenig Kontakt zu anderen Kindern. Einzig zu einem jungen Mädchen, deren Tante in der Hauswirtschaft des neuen und nahen Siemens-Ettershauses arbeitete und diese dort besuchte, hatte er Vertrauen. Einige Zeit später ging dann die junge Frau für mehrere Jahre als Kindermädchen von Chico mit nach Berlin.

Im Jahr 1914 brach bekanntermaßen der erste Weltkrieg aus. Es steht nicht genau fest, ob der Sänger interniert wurde, da er ja als Ausländer galt. Seine Frau Irma aber wohl deutschstämmig war. Eventuell hatte er aber „nur“ Berufsverbot und durfte somit in Deutschland nicht öffentlich auftreten. Möglichkeit drei wäre, dass er mit seiner Familie nach Portugal ausreisen konnte. Dafür spricht, dass das erwähnte Kindermädchen von Chico bei Kriegsausbruch wieder zurück nach Bad Harzburg kam.

Außerdem ist bekannt, dass Chico in Portugal blieb und in Lissabon lebte. Später trat er in die Fußstapfen seines Vaters und seines Onkels und wurde auch Sänger. In Lissabon leitete er u. a.  ein Gesangs-Theater, das aber irgendwann ein Opfer der Flammen wurde und abbrannte. In Chicos Besitz waren auch einige wertvolle Bilder von Max Slevogt, u. a. der „Schwarze d´Andrade“. Im Jahr 1969 wurde dieses von der Hamburger Kunsthalle erworben.

Francisco d` Andrades Sängerkarriere, er war inzwischen mit dem Ehrentitel „Königlich Bayrischer Kammersänger“ versehen worden, dauerte bis 1919.  Wann er das letzte Mal in Bad Harzburg war, ist nicht bekannt. Am 8. Februar 1921 verstarb der große Sänger nach einem Schlaganfall mit nur 62 Jahren in Berlin.

Erloschen war damit eine große Stimme der damaligen Musikwelt. Es existierten zwar einige Schallplatten u. a. aus dem Jahr 1906. Doch die Tonqualität dieses Mediums war nicht die allerbeste. Stimmen und Instrumenten war kein Glanz beschieden. Die Nadel kratzte und diese Nebengeräusche verhinderten jeglichen Hörgenuss. So die Meinung damaliger Musikkritiker.

Als der Sänger gestorben war, unterrichtete seine Witwe Irma die Harzburger Zeitung. In einer öffentlichen Würdigung wurden die Bad Harzburger dann vom Ableben des Sängers unterrichtet. Die Villa behielt Irma d`Andrade noch zwei Jahre. Dann bat sie 1923 den Bad Harzburger Anwalt und Justizrat Friedrich Höltje, das Anwesen zu verkaufen.

Einige Zeit später erwarb der Buch- und Kunstverleger August Gebel aus Bad Ems, Villa und Grundstück. Ein Foto aus den dreißiger Jahren, zeigt das Gebäude danach noch als Töchterheim Waldschlösschen d`Andrade. Im Januar 1938 musste das Gebäude dem neuen Verlauf der Nordhäuserstraße (B4) weichen und wurde abgerissen.  Die Villa war zu diesem Zeitpunkt sanierungsbedürftig, speziell das Innere des Hauses. Leider war damit wieder eine Spur des ohnehin wenig bekannten Lebens des Francisco d`Andrades und  zum Anderen ein markantes Gebäude aus dem Bad Harzburger Stadtbild verschwunden.


Der Beitrag wurde für die Ausgabe 100 des Uhlenklippenspiegels 2011 verfasst.

Weitere Fotos rund um das Thema auf Harz-History

Wirtschaftshof „Auf der Eych“

Wirtschaftshof „Auf der Eych“
Blick vom Butterberg auf Wiesen und Gebäude des Wirtschaftshofes Auf der Eych 1959.

Der Wirtschaftshof „Auf der Eych“

Geheimrat Hermann Schmidt aus Braunschweig, war u. a Mitinhaber der Fa. Pfeiffer u. Schmidt, die mit Textilkurzwaren einen Großhandel in Braunschweig betrieben. Er erwarb 1911 ein Grundstück in Bad Harzburg. Hier erbaute er bis April 1912 eine Sommervilla am Fuß des Eichenberges an der Fritz-König-Straße. Das Gebäude erhielt die damalige Hausnummer 11.

Das Landhaus des Wirtschaftshofs Auf der Eych im Jahr 1914

Umgeben waren Haus und Grundstück in diesen Jahren zum größten Teil noch von freien Flächen, Wiesen und Äckern. Die Bebauung war noch nicht so weit fortgeschritten wie in der heutigen Zeit. In den folgenden Jahren baute Geheimrat Schmidt oberhalb des Anwesens zwischen Fritz-König- und Burgstraße nach und nach ein bäuerliches Anwesen aus. Es lag ungefähr dort, wo sich heute das Bad Harzburger Mutter-Kind-Kurheim „Haus Daheim“ an der Burgstraße befindet. Vorher gab es das Kurheim einige Jahre in einem Gebäudekomplex an der Papenbergstraße, mitten im Bad Harzburger Kurviertel.

Die Zufahrt zum Wirtschaftshof und seinen Gebäuden erfolgte von der Burgstraße und vom Alten Bauernweg. Diesen gibt es heute noch als Verbindung zwischen Burgstraße und Eichenweg, er erinnert an das ehemals landwirtschaftliche Anwesen. Weiterhin gab es eine Durchfahrt von der Fritz-König Straße zum Wirtschaftshof.

Im Lauf der Zeit erwarb Geheimrat Schmidt zusätzlich andere umfangreiche Ländereien im Harzburger Gebiet. Die Grundstücke lagen u. a. an der Fritz-König-Straße, am Butterberg und im „Wendisch-Weh“ in Richtung Eckertal. Die Ländereien hatten zusammen eine stattliche Größe von rund 280 Morgen. Aus den Liegenschaften an der Fritz- König- Straße und am Butterberg wurden später lukrative  und begehrte Baugrundstücke.

Geheimrat Schmidt war auch Mitbegründer und Anteilseigner des Erholungsheimes für die Braunschweiger Kaufmannsschafft und Industrie, das ebenfalls in den Jahren 1911 und 1912 an den Wolfsklippen entstand. In späteren Jahren wurde diese Anlage u. a. auch als Lungenheilstätte und Altenpflegeheim genutzt. Heute befinden sich Räumlichkeiten des Burgberggymnasiums auf dem Gelände.

Nach und nach gab es mehrere bebaute Grundstücke in nächster Nachbarschaft zum Wirtschaftshof und dem Haus an der Fritz-König-Straße. Ein interessanter Nachbar war u. a. der Großindustrielle und Landwirt Kunze. Dieser erbaute 1918 sein Haus in Bad Harzburg.

Die Wiesen des Wirtschaftsfhofes waren wie hier im Jahr 1964 ein winterliches Ski- und Rodelgebiet

W. Kunze besaß mit seinem Partner namens Knorr in Braunschweig eine Firma die u. a. Bremsanlagen für Lokomotiven herstellte, deshalb nannte man ihn überall Kunze-Knorr. Ältere Zeitzeugen berichten auch davon, dass sich Herr Kunze in sein Auto, einem Hanomag-Kurier setzte, sich eine Zeitung holte und diese auf sein Lenkrad legte.

Dann fuhr er zum „Promenieren“ die Herzog-Wilhelm Straße hinauf und hinab und zog somit alle Blicke auf sich. Außerdem hatte er auch einen Flugschein und soll desöfteren im Tiefflug um die Kirchtürme seiner engeren Heimat geflogen sein. Heute gehört sein Gebäude zum Hotel „Am Eichenberg“eimat geflogen sein.

In den Anfangsjahren des Wirtschafts-Hofes wurden die erzeugten Produkte nur zur Selbstversorgung genutzt. Es lag aber nahe, dass die Erzeugnisse sicherlich auch an das Erholungsheim am Wolfsstein geliefert wurden. Als sich der Betrieb allmählich vergrößerte, wurden die Produkte auch zum Kauf angeboten.

Ein Milchabnehmer war u. a. die Molkerei in Bettingerode. Das Getreide ging z. T. an die ehemalige Mühle Rechenberg in Bündheim. Hinzu kam noch eine Gärtnerei mit Gewächshaus sowie Gemüse- und Obstgarten. Betreut wurde die Gärtnerei u. a. längere Zeit von Johann Paarmann.

Dessen Erzeugnisse konnten damit ebenfalls auf dem Markt angeboten werden. Harzburger Markttreiben gab es lange Jahre vor dem ehemaligen Innungshaus und der alten Harzburger Berufsschule, dem sogenannten „Dedekindschen Haus“. Heute befinden sich dort Parkplätze zwischen Herzog-Julius-Straße und Holzhof.

Der Wirtschaftshof Auf der Eych in den frühen 1960er Jahren von der Fritz-König-Straße aus gesehen.

Nach Hermann und Elisabeth Schmidt, die 1937 bzw. 1944 im Alter von 79 und 83 Jahren verstarben, übernahm deren Tochter, Baronin Ursula von Heimburg und deren Familie für lange Jahre den Betrieb des Wirtschaftshofes. Inzwischen gehörte schon längere Zeit ein Gebäude an der Burgstraße mit der alten Hausnummer 19 zu dem Gesamtkomplex. Hier wohnten weitere Familienangehörige, der Pächter und andere Angestellte des Wirtschaftshofes. Dieses Gebäude steht dort nicht mehr, es wurde in späteren Jahren abgerissen.

Das Haus an der Burgstraße nannte man Oberhaus und das Anwesen an der Fritz-König Straße wurde als Sommerhaus bezeichnet. Einen eigenen Tennisplatz gab es auf dem großen Gelände ebenfalls und auf dem Wirtschaftshof selbst, gab es noch ein weiteres Wohnhaus.

Zugehörig zum engeren Familienkreis der Nachkommen von Elisabeth und Hermann Schmidt sowie Ursula und Victor v. Heimburg, waren u. a. die Familien Leichtweiß, Kölbl und v. Löbbecke. Langjährige Pächter bei Familie v. Heimburg hießen Lucanus, Rogge und Hänsel.

Auf dem Hof gab es mitunter rund 15 Kühe und einen Bullen. Zwei Pferde gab es ebenfalls, sie hießen Hans und Lotte. Man hatte auch einen Traktor der Marke Lanz und in den fünfziger Jahren wurde ein Mähdrescher angeschafft.

In Nähe des Anwesens befand sich früher auch die Harzburger Rodelwiese. Man konnte von der Burgstraße über die wenig befahrene und wenig bebaute Fritz-König-Straße, bis hin zur Sachsenbergstraße gelangen. Auf der sogenannten „Schmidtschen Wiese“ fand im Sommer 1950 eine der Einweihungsfeiern für das Kreuz des Deutschen Ostens statt.

Nach Viktor und Ursula v. Heimburg, die jeweils 1956 und 1981 im Alter von 76 und 99 Jahren verstarben, übernahm deren Tochter Frau v. Löbbecke den Wirtschaftshof und die Gebäude. Verwalter wurde der Landwirt Heinz Bohne und nach ihm seine Ehefrau Magdalene.

In diesen letzten Jahren wurden hauptsächlich nur noch Eier an Selbstabholer verkauft. Markttreiben gab es zu dieser Zeit in Bad Harzburg nicht mehr. Dafür entstanden die ersten kleineren Supermärkte wie der City-Markt und Wasmund in der Herzog-Wilhelm-Straße.

Der Betrieb auf dem Wirtschaftshof lief bis um 1968. Danach wurde alles verkauft und abgerissen, auch die Villa an der Burgstraße. Ringsum wurde in Bad Harzburg schon einige Jahre fleißig gebaut und ein bäuerlicher Betrieb passte nicht mehr in das Stadt- und Landschaftsbild. Dafür entstand kurz danach nebenan ein großer Wohnkomplex, im Volksmund „Klein Manhattan“ genannt.

Ein Gedenkstein am Birkenweg erinnert an den Namen „Auf der Eych“.

Stehengeblieben ist jedoch das schöne Gebäude an der Fritz-König-Straße. Außerdem erinnert ein Gedenkstein am Birkenweg an den Namen „Auf der Eych“. Verstorben ist vor einigen Jahren auch Ursula von Löbbecke geb. v. Heimburg im Alter von 81 Jahren am 25. September 2000.  Sie wohnte im Fritz-König Winkel 1 in Bad Harzburg. Auch dieses Grundstück gehörte einstmals zum Areal vom „Wirtschaftshof Auf der Eych“.


Dieser Beitrag entstand um 2008

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Delbro Brotfabrik Dehne Bündheim

Delbro Brotfabrik Dehne Bündheim
Blick in die Brotfabrik Rudolf Dehne in Bündheim um das Jahr 1960.

Die Brotfabrik Dehne in Bündheim

Rudolf Dehne, ein Pionier der Verpackungstechnik in der Nachkriegszeit

Rudolf Dehne 1954

Die Anfänge der Brotfabrikation in der Firma von Rudolf Dehne liegen in der elterlichen Bäckerei an der damaligen Prinz- Albrecht-Straße 31 in Bündheim. Diesen Betrieb gab es dort schon lange Jahre. Bäckermeister Rudolf Dehne, geboren im Jahr 1916, übernahm das Geschäft als junger Mann um 1940 von seinem Vater Hermann.

Dehnes Spezialität wurde die Herstellung von Harzer Pumpernickel. Wie allgemein bekannt, kam Pumpernickel als lange haltbares Vollkornbrot aus Roggenschrot ursprünglich aus der westfälischen Küche stammt.

Hauptabnehmer für das kräftige Brot aus Dehnes Backstube waren die verschiedenen Lazarettabteilungen in Hotels und Pensionen, die es von 1942 bis 1945 in Bad Harzburg gab. Erst nach Ende des Krieges normalisierte sich das Geschäft wieder, kehrte langsam und ganz allmählich wieder der Bächer-Alltag ein.

Lebensmittel gab es einige Jahre nur auf Marken, darunter auch für Brot und Backwaren. In jener Zeit kam Rudolf Dehne die Idee, zwecks Belebung seines Geschäftes, für den Harzer Pumpernickel und anderes Brot ein Verfahren zu finden, um die Backwaren versenden und exportieren könnte.

Angeregt haben dürften den Bündheimer die Lebensmittelpakete der amerikanischen und englischen Besatzer, in denen auch Lebensmittel mit längerer Haltbarkeit enthalten waren. Für Rudolf Dehne begann eine lange Zeit des Experimentierens und der Tüftelei.

Die Schwierigkeit lag aber nicht in der Brotherstellung selbst. Wenn man das Endprodukt in absehbarer Zeit verzehrte, war alles in Ordnung. Doch nach längerer Lagerung wurde das Brot anfällig. Der ärgste Feind war auf Grund der hohen Feuchtigkeit der immer wiederkehrende Schimmelpilz.

Qualitätskontrolle: Rudolf Dehne um 1960.

So passierte es viele Male, dass versandte Ware vom Kunden wieder zurückkam. Für das Geschäft waren solche Vorfälle natürlich nicht von Vorteil, schädigten eher den Ruf. Was heikel war, denn in Bündheim gab es noch fünf weitere Bäckereien und somit reichlich Konkurrenz. Aber Rudolf Dehne ließ sich nicht entmutigen und versuchte es zunächst mit der Chemie, dem Schimmelpilz zu Leibe zu rücken.

Dabei kam dem Bäcker zugute, dass die Firma Dehne mit dem täglichen Ladengeschäft und mit einigen kleinen Filialen noch weitere Einnahmequellen hatte. Zusätzlich gab es neben der Bäckerei als Mieter noch den Schuhmacher Hermann Lutz, der ein kleines Geschäft betrieb und Miete zahlte.

Anfang der fünfziger Jahre waren einige Schimmelpilz – Bekämpfungsmittel auf dem Markt, die nicht den Geschmack beeinflussten. Mit diesen Mitteln startete Rudolf Dehne seiner ersten Experimente. Doch wie sich mit der Zeit herausstellte, halfen diese Zusätze nur bedingt und waren für längere Lagerdauer nicht zu gebrauchen.

Dehne startete neue Versuche mit Metallfolien, die das Brot fest umschlossen. Nun war die Ware zwar steril verpackt, aber immer noch kam zu viel Luft an das Brot heran. Und somit kehrte auch der Schimmelpilz zurück.

Im Jahr 1953 machte Rudolf Dehne Bekanntschaft mit einer neuartigen Kunststoffart: Polyethylen. Zu diesem Zeitpunkt hatte er über Jahre hinweg schon viel Geld und Zeit investiert. Doch der Bäckermeister hatte standhaften Unternehmergeist und war immer noch jung genug, um sein Projekt erfolgreich durchzuführen.

Er ließ sich spezielle Hüllen aus Polyethylen anfertigen und hatte nun die passende Verpackung für seine Ware. Ein Problem aber blieb: Wie bekam man die Hülle luftdicht und das Brot steril?

Bei ersten Versuchen wurde das Brot in die Hülle gesteckt, luftdicht verschlossen und alles auf rund 90 Grad erhitzt. Diese hohe Temperatur brauchte man, um den Schimmelpilz abzutöten. Denn nur bei Temperaturen über 81 Grad wurde der Schimmelpilz ungefährlich.

Diese Methode war jedoch riskant, weil bei annähernd 100 Grad auch die Kunststoffhüllen ihren Schmelzpunkt hatten. Also wurde nun ein genau arbeitendes Thermostat konstruiert, doch auch hier gab es neue Schwierigkeiten.

In den Beuteln war nicht nur das Brot, sondern auch immer noch etwas Luft. Beim Hochfahren der Sterilisationshitze dehnte sich die Luft aus und die meisten Beutel zerplatzten. Aber Bäckermeister Dehne ließ sich nicht entmutigen, tüftelte unermüdlich weiter.

Nach einiger Zeit und neuen Versuchen wusste er, wie man die störende Luft aus der Verpackung herausbekam. Er besorgte einen Vakuum-Kessel, einen dünnen Schlauch sowie eine kleine Injektionsnadel. Durch deren winzigen Einstich entwich die Luft aus der Verpackung und das kleine Loch ließ sich schnell wieder verschweißen.

Nun war das Hauptproblem gelöst, es musste nur noch verbessert werden, man konnte ja nicht jeden Beutel einzeln mit der Injektionsnadel behandeln. Nach den Ideen und Angaben von Rudolf Dehne, konstruierte der Bad Gandersheimer Ingenieur Aug. Schwarzkopf einen Apparat, der Vakuum erzeugte. Zusätzlich war das Gerät in der Lage, durch elektrisch erzeugte Hitze bis um 120° Grad die nun luftleeren Verpackungshüllen zu verschweißen.

Inzwischen schrieb man das Jahr 1954. Investitionen in Geräte und Maschinen beliefen sich bis dahin auf rund 70.000 DM. Die neuen Apparaturen schafften einige hundert Beutel in der Stunde. Der Übergang vom kleinen Familienbetrieb hin zur Brotfabrik war fast geschafft.

Hieß es in älteren Anzeigen noch Brot- und Pumpernickel Export Rudolf Dehne, so nannte man sich zukünftig Delbro-Brotfabrik Rudolf Dehne. Beschäftigt wurden auch mehrere Vertreter. Die Brotmassen, die jetzt hergestellt werden konnten, mussten ja den Weg zum Verbraucher finden.

Abnehmer waren unter anderem Großversandhäuser wie Neckermann und Quelle sowie einige Einzelhandelsgeschäfte in der näheren Umgebung. Da mehr Platz benötigt wurde, baute Firma Dehne hinter der alten Bäckerei eine erste kleine Halle.

Mitte der fünfziger Jahre begann der Aufbau der Bundeswehr. Firma Dehne schaffte es in jener Zeit, diese Institution als Großkunden zu gewinnen. Geliefert wurde zuerst das vakuumverpackte und verschweißte Brot. Später dann rundes Brot, verpackt in 400-Gramm-Dosen. 

Das Dosenbrot wurde ebenfalls in einem ähnlichen Verfahren für längere Lagerung haltbar gemacht. Für das keksähnlich verschweißte Brot gab es in der Anfangsphase eine Haltbarkeitsgarantie von zwei Jahren. Durch verfeinerte Herstellungsmethoden in der Nachfolgezeit konnte diese jedoch wesentlich erhöht werden.

Als das Geschäft mit der Bundeswehr voll anlief, bauten die beiden Betriebsschlosser Alfred Kretschmar und Werner Hundertmark neue Verpackungsgeräte, die noch mehr Herstellungskapazität erreichten.

Zu Beginn der 1960er Jahre drohten die Delbro-Fertigungsstätten aus allen Nählten zu platzen.

Der Betrieb platzte jetzt aus allen Nähten, es wurde an die vorhandene Fabrikationshalle ein langes weiteres Gebäude errichtet. Zusätzlich erbaute die Firma Dehne noch weitere Fabrikationsstätten. So beispielsweise in Langelsheim im Ortsteil Bredelem auf dem alten Gelände der Palandsmühle. Hier wurden in den sechziger Jahren mit noch moderneren Maschinen rund 30.000 Dosen Brot am Tag produziert. Zusätzlich gab es in Hameln eine Produktionsstätte in alten Anlagen eines ehemaligen Mitbewerbers.

Getreidelieferant war zum größten Teil die Gifhorner Mühle. Es konnte in drei Schichten gearbeitet werden, wobei in Hauptlieferzeiten auch Nacht- und Wochenendschichten an der Tagesordnung waren. In den ersten Jahren der Brotfabrikation waren es neben fest angestellten Bäckern viele Hausfrauen aus der näheren Umgebung, die mit einem kleinen Zubrot die Haushaltskasse aufbesserten.

Damals waren die Löhne nicht so üppig und so gab es für Sonderschichten auch schon mal ein Schwein zur Belohnung. Gehalten wurden etliche Tiere hinter der Backhalle und die reichliche Nahrung bestand aus den anfallenden Brot- und Backabfällen.

Zunehmend setzte Firma Dehne in den sechziger Jahren Gastarbeiter ein, die vermehrt nach Deutschland kamen. Die meisten stammten aus Griechenland und der Türkei. Untergebracht waren sie in zwei Gebäuden an der Bäcker- und der Dr.-Heinrich-Jasper-Straße. In einem der Gebäude befand sich in früheren Jahren eine Filiale der Bäckerei Dehne. Diese und andere kleine Ladengeschäfte gab es jetzt nicht mehr, es wurde nur noch Fabrikware hergestellt.

Mitte der sechziger Jahre erwarb Rudolf Dehne das Hotel Lindenhof am Bahnhof von Familie Overbeck und brachte dort ebenfalls Gastarbeiter unter. Beschäftigt waren in allen Betrieben, je nach Auftragslage und Lieferumfang, bis zu 200 Personen.

Da es im Lauf der Jahre viele Interessenten und Nachahmer von Rudolf Dehnes Vakuumverpackung gab, hatte er sich dieses Verfahren inzwischen patentieren lassen. So besaß er Patente in den USA, Italien, Niederlande, Frankreich, Schweden, Österreich und der Schweiz.

In der Schweiz übernahm unter anderem das Bundesheer Rudolf Dehnes Patent zur Brotherstellung. Bezeichnenderweise gab es für die Bundesrepublik kein Patent. Dafür war Rudolf Dehnes Verfahren zur Brotherstellung im Gebrauchsmusterschutzverzeichnis für Westdeutschland unter der Nr.: 1653349 eingetragen.

Ende der sechziger Jahre gab es dann erste Querelen mit der Bundeswehr. Mal ging es um angebliche Qualitätsmängel der gelieferten Ware. Dann um Zahlungsverzug der versandten Produkte. Angesichts des hohen Auftragsvolumens und den daraus resultierenden Kosten, gab es nachfolgend beträchtliche Schwierigkeiten, die Firma über Wasser zu halten. So kam es, dass am 20. Juli 1972 die Firma von Rudi Dehne schließlich gänzlich ihre Pforten schloss.

Einige der letzten Erinnerungen an die Delbro-Brotfabrik in Bündheim sind seit 2002 im Deutschen Brotmuseum in Ebergötzen zu sehen.

Danach gab es noch einige Jahre rechtliche Unstimmigkeiten mit der Bundeswehr. Familie Dehne zog von Bündheim nach Vienenburg und übersiedelte dann nach Lindau am Bodensee. Hier verstarb Rudi Dehne im Jahr 1991. Ohne Frage ein Nachkriegspionier der Verpackungstechnik, wenn es darum ging, Lebensmittel länger haltbar zu machen und zu lagern.

Die Hallen in Bündheim standen nun einige Jahre leer. Bis von 1983 bis 2004 das alteingesessene Bündheimer Möbelhaus Krebs die Gebäude übernahm. Danach folgte ein Billig-Discounter und ein Fachmarkt für Tiernahrung samt Zubehör. An der einstigen Fertigungsstätte in Bredelem gab es lange Zeit die Firma Kalesse, ein Unternehmen, das sich mit dem Handel von Tiefkühlkost befasste.

Einige der letzten Erinnerungen an die Delbro-Brotfabrik in Bündheim sind seit 2002 im Deutschen Brotmuseum in Ebergötzen zu sehen. Es handelt sich dabei um einige Pakete Pumpernickel und einen Original-Karton Dosenbrot. Gefunden hatte sie ein Privatmann in Osterholz-Scharmbeck – das Brot war sogar nach rund 50 Jahren überwiegend noch genießbar…

Der Beitrag stammt aus dem Jahr 2004

Mehr Fotos zu dem Thema sind unter Harz-History zu finden