
Der Wirtschaftshof „Auf der Eych“
Geheimrat Hermann Schmidt aus Braunschweig, war u. a Mitinhaber der Fa. Pfeiffer u. Schmidt, die mit Textilkurzwaren einen Großhandel in Braunschweig betrieben. Er erwarb 1911 ein Grundstück in Bad Harzburg. Hier erbaute er bis April 1912 eine Sommervilla am Fuß des Eichenberges an der Fritz-König-Straße. Das Gebäude erhielt die damalige Hausnummer 11.

Umgeben waren Haus und Grundstück in diesen Jahren zum größten Teil noch von freien Flächen, Wiesen und Äckern. Die Bebauung war noch nicht so weit fortgeschritten wie in der heutigen Zeit. In den folgenden Jahren baute Geheimrat Schmidt oberhalb des Anwesens zwischen Fritz-König- und Burgstraße nach und nach ein bäuerliches Anwesen aus. Es lag ungefähr dort, wo sich heute das Bad Harzburger Mutter-Kind-Kurheim „Haus Daheim“ an der Burgstraße befindet. Vorher gab es das Kurheim einige Jahre in einem Gebäudekomplex an der Papenbergstraße, mitten im Bad Harzburger Kurviertel.
Die Zufahrt zum Wirtschaftshof und seinen Gebäuden erfolgte von der Burgstraße und vom Alten Bauernweg. Diesen gibt es heute noch als Verbindung zwischen Burgstraße und Eichenweg, er erinnert an das ehemals landwirtschaftliche Anwesen. Weiterhin gab es eine Durchfahrt von der Fritz-König Straße zum Wirtschaftshof.
Im Lauf der Zeit erwarb Geheimrat Schmidt zusätzlich andere umfangreiche Ländereien im Harzburger Gebiet. Die Grundstücke lagen u. a. an der Fritz-König-Straße, am Butterberg und im „Wendisch-Weh“ in Richtung Eckertal. Die Ländereien hatten zusammen eine stattliche Größe von rund 280 Morgen. Aus den Liegenschaften an der Fritz- König- Straße und am Butterberg wurden später lukrative und begehrte Baugrundstücke.
Geheimrat Schmidt war auch Mitbegründer und Anteilseigner des Erholungsheimes für die Braunschweiger Kaufmannsschafft und Industrie, das ebenfalls in den Jahren 1911 und 1912 an den Wolfsklippen entstand. In späteren Jahren wurde diese Anlage u. a. auch als Lungenheilstätte und Altenpflegeheim genutzt. Heute befinden sich Räumlichkeiten des Burgberggymnasiums auf dem Gelände.
Nach und nach gab es mehrere bebaute Grundstücke in nächster Nachbarschaft zum Wirtschaftshof und dem Haus an der Fritz-König-Straße. Ein interessanter Nachbar war u. a. der Großindustrielle und Landwirt Kunze. Dieser erbaute 1918 sein Haus in Bad Harzburg.

W. Kunze besaß mit seinem Partner namens Knorr in Braunschweig eine Firma die u. a. Bremsanlagen für Lokomotiven herstellte, deshalb nannte man ihn überall Kunze-Knorr. Ältere Zeitzeugen berichten auch davon, dass sich Herr Kunze in sein Auto, einem Hanomag-Kurier setzte, sich eine Zeitung holte und diese auf sein Lenkrad legte.
Dann fuhr er zum „Promenieren“ die Herzog-Wilhelm Straße hinauf und hinab und zog somit alle Blicke auf sich. Außerdem hatte er auch einen Flugschein und soll desöfteren im Tiefflug um die Kirchtürme seiner engeren Heimat geflogen sein. Heute gehört sein Gebäude zum Hotel „Am Eichenberg“eimat geflogen sein.
In den Anfangsjahren des Wirtschafts-Hofes wurden die erzeugten Produkte nur zur Selbstversorgung genutzt. Es lag aber nahe, dass die Erzeugnisse sicherlich auch an das Erholungsheim am Wolfsstein geliefert wurden. Als sich der Betrieb allmählich vergrößerte, wurden die Produkte auch zum Kauf angeboten.
Ein Milchabnehmer war u. a. die Molkerei in Bettingerode. Das Getreide ging z. T. an die ehemalige Mühle Rechenberg in Bündheim. Hinzu kam noch eine Gärtnerei mit Gewächshaus sowie Gemüse- und Obstgarten. Betreut wurde die Gärtnerei u. a. längere Zeit von Johann Paarmann.
Dessen Erzeugnisse konnten damit ebenfalls auf dem Markt angeboten werden. Harzburger Markttreiben gab es lange Jahre vor dem ehemaligen Innungshaus und der alten Harzburger Berufsschule, dem sogenannten „Dedekindschen Haus“. Heute befinden sich dort Parkplätze zwischen Herzog-Julius-Straße und Holzhof.

Nach Hermann und Elisabeth Schmidt, die 1937 bzw. 1944 im Alter von 79 und 83 Jahren verstarben, übernahm deren Tochter, Baronin Ursula von Heimburg und deren Familie für lange Jahre den Betrieb des Wirtschaftshofes. Inzwischen gehörte schon längere Zeit ein Gebäude an der Burgstraße mit der alten Hausnummer 19 zu dem Gesamtkomplex. Hier wohnten weitere Familienangehörige, der Pächter und andere Angestellte des Wirtschaftshofes. Dieses Gebäude steht dort nicht mehr, es wurde in späteren Jahren abgerissen.
Das Haus an der Burgstraße nannte man Oberhaus und das Anwesen an der Fritz-König Straße wurde als Sommerhaus bezeichnet. Einen eigenen Tennisplatz gab es auf dem großen Gelände ebenfalls und auf dem Wirtschaftshof selbst, gab es noch ein weiteres Wohnhaus.
Zugehörig zum engeren Familienkreis der Nachkommen von Elisabeth und Hermann Schmidt sowie Ursula und Victor v. Heimburg, waren u. a. die Familien Leichtweiß, Kölbl und v. Löbbecke. Langjährige Pächter bei Familie v. Heimburg hießen Lucanus, Rogge und Hänsel.
Auf dem Hof gab es mitunter rund 15 Kühe und einen Bullen. Zwei Pferde gab es ebenfalls, sie hießen Hans und Lotte. Man hatte auch einen Traktor der Marke Lanz und in den fünfziger Jahren wurde ein Mähdrescher angeschafft.
In Nähe des Anwesens befand sich früher auch die Harzburger Rodelwiese. Man konnte von der Burgstraße über die wenig befahrene und wenig bebaute Fritz-König-Straße, bis hin zur Sachsenbergstraße gelangen. Auf der sogenannten „Schmidtschen Wiese“ fand im Sommer 1950 eine der Einweihungsfeiern für das Kreuz des Deutschen Ostens statt.
Nach Viktor und Ursula v. Heimburg, die jeweils 1956 und 1981 im Alter von 76 und 99 Jahren verstarben, übernahm deren Tochter Frau v. Löbbecke den Wirtschaftshof und die Gebäude. Verwalter wurde der Landwirt Heinz Bohne und nach ihm seine Ehefrau Magdalene.
In diesen letzten Jahren wurden hauptsächlich nur noch Eier an Selbstabholer verkauft. Markttreiben gab es zu dieser Zeit in Bad Harzburg nicht mehr. Dafür entstanden die ersten kleineren Supermärkte wie der City-Markt und Wasmund in der Herzog-Wilhelm-Straße.
Der Betrieb auf dem Wirtschaftshof lief bis um 1968. Danach wurde alles verkauft und abgerissen, auch die Villa an der Burgstraße. Ringsum wurde in Bad Harzburg schon einige Jahre fleißig gebaut und ein bäuerlicher Betrieb passte nicht mehr in das Stadt- und Landschaftsbild. Dafür entstand kurz danach nebenan ein großer Wohnkomplex, im Volksmund „Klein Manhattan“ genannt.

Stehengeblieben ist jedoch das schöne Gebäude an der Fritz-König-Straße. Außerdem erinnert ein Gedenkstein am Birkenweg an den Namen „Auf der Eych“. Verstorben ist vor einigen Jahren auch Ursula von Löbbecke geb. v. Heimburg im Alter von 81 Jahren am 25. September 2000. Sie wohnte im Fritz-König Winkel 1 in Bad Harzburg. Auch dieses Grundstück gehörte einstmals zum Areal vom „Wirtschaftshof Auf der Eych“.
Dieser Beitrag entstand um 2008
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