
Die Geschichte der legendären Grasbahnrennen
In den Jahren 1949 bis 1951 fanden auf der Galopprennbahn Am weißen Stein Motor-Grasbahnrennen statt. Die erste große Veranstaltung dieser Art war am 18. September 1949. Einige Wochen nach den Harzburger Renntagen, die immer im Juli ausgetragen wurden.
1949 war das zweite Jahr nach 1948, in dem der Harzburger Rennverein wieder Pferderennen nach den zurückliegenden Kriegsjahren bot. Veranstalter der Motor-Grasbahnrennen war der 1924 gegründete Harzburger Automobil-Club (HAC) und der ADAC Niedersachsen. Ein Hauptinitiator dieses Rennsports war Adolf Bitzhenner, Hotelier, Motorradfan und Vorsitzender des HAC.
Motorrad- und Autorennen zogen damals die Massen an. Es gab schon Rennstrecken im Braunschweiger Prinzenpark und den Eilenriedekurs in Hannover. Nicht zu vergessen auch die AVUS in Berlin und den Nürburgring, um nur einige zu nennen.

Also beschloss man, auch in Bad Harzburg solche Rennveranstaltungen anzubieten. Es war sicherlich ein großes Wagnis, keiner konnte das finanzielle Risiko einschätzen. Aber Deutschland war im Aufbruch. Es gab mit Theodor Heuss den ersten Bundespräsidenten, die erste Bundesregierung mit Konrad Adenauer und seit der Währungsreform 1948 die neu eingeführte Deutsche Mark.
Nachdem sich der Harzburger Rennverein und der HAC über die Austragungsmodalitäten geeinigt hatten, konnte das erste Motor-Grasbahnrennen ausgetragen werden. Letztendlich genehmigt wurden die Rennen von der britischen Besatzungsmacht. Bad Harzburg gehörte von 1945 bis 1954/55 zur Britischen Zone im geteilten Deutschland.
Im Vorfeld der Veranstaltung konnten fast 90 Nennungen entgegengenommen werden, wobei schließlich 65 Starter in sieben Rennläufen übrigblieben. Mit solch großer Resonanz hatten die Organisatoren nicht gerechnet. Das eindeutige Schwergewicht lag bei den zweirädrigen Teilnehmern. Gefolgt von Seitenwagengespannen und den Sportwagen.
In diesen Jahren des bescheidenen Aufschwungs war der Autoverkehr längst noch nicht so weit fortgeschritten wie heute. Auf den Straßen sah man zumeist Fahrräder, Motorräder und Motorroller. Um 1950 gab es noch sehr viele Motorradhersteller in Westdeutschland. Mit Markennamen von Adler bis Zündapp. Die größten und bekanntesten Hersteller waren BMW, DKW (im Volksmund Dekawuppdich ), Horex und NSU.
Diese Markennamen fanden sich zum Teil auch in dem Rennen I des ersten Renntages am 18. September 1949 wieder. Es starteten in der Klasse 3-4, Motorräder bis 125 ccm. Gefahren wurden zehn Runden mit insgesamt 15 Kilometern. Sieger war Ferdinand Bock aus Hannover auf seiner DKW.
An diesem ersten Renntag waren rund 15.000 Zuschauer an der Strecke und die Begeisterung war groß. Im Rennen II der Klasse A, waren Motorräder bis 250 ccm am Start. Der Sieger nach 15 Runden kam ebenfalls aus Hannover und fuhr NSU.

Die größte Starterzahl hatte das Rennen IV der Klasse B bis 350 ccm mit 23 Teilnehmern. Hier fuhren unter anderem Maschinen der Marken Ariel, Blackborne, Horex , Norton, Triumph und Victoria. Einige Teilnehmer hatten, wie in den anderen Rennen auch, eigene Konstruktionen angemeldet. Der Sieger in diesem großen Fahrerfeld wurde Willi Walter aus Braunlage. Bekannt ist nicht mehr, ob alle 23 Teilnehmer heil das Ziel erreichten.
Dem gegenüber hatte das Rennen V nur fünf Starter. Es waren die schweren Motorräder mit Seitenwagen bis 1200 ccm. Alle fünf Maschinen kamen von der Firma BMW. Die Favoriten Breuer und Beifahrer Münnich, beide aus Braunschweig, hatten die Startnummer 30. Beide waren schon bekannt auf den damaligen Rennstrecken und wurden als „Rote Teufel von Braunschweig“ bezeichnet. In Bad Harzburg klappte es aber nicht mit dem Siegen, wegen eines Kupplungsschadens war das Rennen frühzeitig vorbei.
Im Rennen VI des Tages starteten Motorräder bis 500 ccm. Es waren unter anderem Maschinen der Marken BMW, NSU, Matschless, und Rudge. Absoluter Höhepunkt war das letzte Rennen mit Sportwagen bis 1100 ccm. Mit Alfred Stadermann und Richard Trenkel gab es gleich zwei Bad Harzburger Lokalmatadoren am Start. Alfred Stadermann mit Startnummer 43 fuhr einen Eigenbau der Marke Fiat. Richard Trenkel bevorzugte mit Nr. 48 ebenfalls ein Eigenbaumodell der jungen Marke VW. Auch die anderen fünf Teilnehmer fuhren allesamt selbst konstruierte Modelle. Sieger in diesem Rennen wurde ein Starter aus Peine mit einem Alpers-Eigenbau. Zweiter war Richard Trenkel, was das Publikum natürlich begeisterte.
Am Schluss dieses ersten „Grasbahnrenntages“ gab es für die Sieger wertvolle Ehrenpreise und Pokale. Gestiftet von der Stadt Bad Harzburg, der Kurverwaltung, vielen Geschäftsleuten und Privatleuten. Auch den Veranstaltern zollte man großes Lob für die glänzende Organisation. Trotz der welligen Bahn gab es keine größeren Unfälle und Personenschäden. Ausrichter, Fahrer und Zuschauer konnten sich somit auf die Rennen im folgenden Jahr freuen.
Diese Rennen fanden am 24. September 1950 statt. Es gab wieder viele Nennungen, und auch einige Tausend Zuschauer säumten die Rennstrecke. Die Rennverläufe waren ähnlich gestaffelt wie im Vorjahr. Lediglich die Motorräder mit Beiwagen starteten in zwei Kategorien. Einmal bis 1200 ccm und neu bis 600 ccm.
Leider spielte diesmal das Wetter nicht ganz mit. Es hatte einige Tage vor den Rennen heftig geregnet, und die Temperaturen waren wegen eines atlantischen Sturmtiefs im Keller. Die Bahn war dadurch glatt und aufgeweicht. So musste das Fahrertraining vom Wochenende auf den Sonntagmorgen verlegt werden. Die Rennleitung schaffte es aber, alle Rennen zu starten. Auch ließ der Regen stetig nach und es wurde trockener.
Trotzdem gab es in den ersten Rennen mehrere Karambolagen, die aber glimpflich abgingen. Den Zuschauern stockte immer wieder der Atem, wenn Motorräder oder die Sportwagen gefährlich ins Schlingern kamen. Und so passierte es, dass nach dem Start der schweren Beiwagenklasse ein Gespann in die Zuschauer raste und in der Göttingeröder Kurve zwei Jugendliche verletzte. Beide wurden sofort ins Fritz-König-Stift eingeliefert.
Bei diesen schweren Beiwagen waren wieder die „Roten Teufel aus Braunschweig“ dabei. Kurzfristig musste der erst 18-jährige Karl Bonte für den erkrankten Alfons Breuer einspringen. Mit seinem erfahrenen Beifahrer Werner Münnich fuhr er nach einem spannenden Rennen als Erster über die Ziellinie.
Zum Schluss der Veranstaltung starteten die meist silberhellen Sportwagen. Die rund 6000 Zuschauer sahen ein packendes Rennen, wozu auch die schwierigen Bahnverhältnisse mit beitrugen. Für Stadermann und Trenkel gab es diesmal nichts zu gewinnen. Von sieben Startern kamen nur vier ins Ziel, der Sieger hieß Hubert Bolm aus Wolfenbüttel.
Im Verlauf des Rennens gab es einen kleinen Unfall mit glimpflichem Ausgang. Gegenüber der Tribüne 2 streifte ein Wagen die innere Barriere und wurde dabei erheblich beschädigt. Glücklicherweise kam der Fahrer mit dem Schrecken davon.
Auch der zweite Renntag auf der Pferderennbahn in Bündheim hatte sicherlich dazu beigetragen, den Motorsport in der hiesigen Region populär zu machen. So wurde das dritte große Motorsportereignis am 29. Juli 1951 ausgetragen. Es fand im Rahmen der Bündheimer Festwoche zum 700-jährigen Orts-Jubiläum statt.

Nennungen gab es weit über hundert. Darunter viele Beteiligte der zurückliegenden Rennen. Wie schon im Reglement der Vorjahre durften nur Starter aus der Britisch besetzten Zone teilnehmen. Das Interesse der Zuschauer war wieder groß und schon bei den Trainingsläufen am Sonnabend gab es viele Zaungäste. Anfang der 1950er Jahre herrschte allgemeines Rennfieber in Deutschland. So kamen bei großen Motorradrennen auf der Stuttgarter Solitude über 300.000 Zuschauer und wollten ihre Idole wie Schorsch Meier und Walter Zeller sehen.
Bei den Sportwagen war es genauso in Hockenheim und auf anderen Rennstrecken. Hier gab es Duelle von Altmeister Hans Stuck mit Herrmann Lang, Karl Kling und J. M. Fangio aus Argentinien. Damals noch für Alfa Romeo auf den Pisten, später für Mercedes in den berühmten Silberpfeilen unterwegs.
Zum Renntag am Sonntag säumten dann über 15.000 Zuschauer die Strecke auf der Galopprennbahn in Bündheim, um wieder sieben spannende und rasante Rennduelle zu erleben. In den Trainingsläufen konnte man schon ahnen, dass die Rundenrekorde der Vorjahre fallen würden. Der Sieger des ersten Laufes in der 125 ccm Klasse, Heinz Boß auf einer Ilo war schon gut 12 km/h schneller als der Vorjahressieger. Den schnellsten Rundendurchschnitt schaffte Karl Hoppe auf seiner 500er Englischen Triumph mit 82,4 km/h.
Auch bei den nächsten Rennen, erzielten die Fahrer immer neue Bahnrekorde. Die Rennen verliefen trotzdem fast unfallfrei. Lediglich im 250ccm-Lauf gab es nach einem Gerangel um die Spitzenposition einen Überschlag, zum Glück ohne Personenschäden. Das lag auch daran, dass die Sicherheitsvorkehrungen für die Teilnehmer und das Publikum stark verbessert wurden.
Dramatisch verlief es trotzdem beim vorletzten Rennen der schweren Beiwagenklasse bis 1200 ccm. Neun Starter nahmen am Lauf teil, auch der Vorjahressieger Karl Bonte. In einer der letzten Runden passierte es dann: Die Nr. 39 mit Kurt Knop und Beifahrer stürzten vor den Tribünen, nachdem die Strohballen am Rand der Piste gestreift wurden. Das Gespann überschlug sich vor den entsetzten Zuschauern. Zunächst sah noch alles glimpflich aus. Doch anschließend musste der Beifahrer ins Krankenhaus transportiert werden und es stellte sich später heraus, dass er lebensgefährliche Verletzungen erlitten hatte.
Davon merkten die Zuschauer wenig. Sie fieberten schon dem letzten Rennen entgegen. Hier starteten wieder die Sportwagen, deren Motorenklänge vom Warmlaufen über die Rennbahn dröhnten. Dabei waren auch Alfred Stadermann und Richard Trenkel. Nach einem furiosen Start ging Trenkel mit Nr. 50 schnell in Führung und gab diese bis zum Zieleinlauf nicht wieder ab.
Richard Trenkel startete auch in der Deutschen Meisterschaft für Sportwagen und führte mit sechs Punkten. Autos waren seine Leidenschaft, wie er in einem Interview selbst sagte. Er verstarb bei einem tragischen Autounfall im Juli 1964.

Zweiter wurde der „Löwe von Flethma“ Karl Busse, der als Beinamputierter am Rennen teilnahm. A. Stadermann hatte jedoch großes Pech. Nach einer Berührung mit einem anderen Fahrzeug verlor er die Motorhaube, was für ihn das Aus bedeutete. So ging das größte rennsportliche Ereignis im Harzgebiet mit großem Erfolg zu Ende.
Die Erinnerung des Autors besteht noch an riesige Menschenmassen, auch außerhalb des eigentlichen Geländes. An blauen Benzindunst, viele Maschinen waren Zweitakter mit Benzin-Ölgemisch. An den großen Contiballon über dem Gelände schwebend. Mit etwas Glück gab es auf dem Heimweg noch eine Wiener Wurst beim Rennbahnwirt W. Hoffmann im Lokal Stadt Harzburg.
Die breite Öffentlichkeit dachte, dass auch 1952 wieder Rennen stattfinden. Doch es war wohl das letzte Mal, dass Motorenklänge bei einer Motorsportveranstaltung über die Galopprennbahn hallten. Gründe gab es einige: So dürften Sicherheitsbedenken wegen des schweren Unfalls vom Vorjahr im Vordergrund gestanden haben. Als nächstes könnte auch der Zustand der Bahn nach den Rennen ausschlaggebend gewesen sein.
Darüber hinaus wurde vom HAC versucht, den sogenannten Harzring als neue Strecke mit rund drei Kilometern Länge zu präsentieren. Der Verlauf sollte vom Rennbahngelände in Richtung Silberborn führen, dann etwa zum Café Goldberg. Von dort zum Langenberg und zurück zur Rennbahn. Dieses Vorhaben wurde jedoch nicht genehmigt, weil damals sicherlich Naturschutzinteressen schon berücksichtigt werden mussten.
Quellennachweis: Privatsammler, HAC Bad Harzburg, HZ, Goslarer Stadtarchiv, Hannoversche Allgemeine, Heimatarchiv Plaster.
Der Beitrag stammt aus den 2010er Jahren
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