Villa Wessel | NIG

Mit ihrem markanten Turm sticht die Villa Wessel zu allen Zeiten selbst aus dem Bad Harzburger Villenviertel heraus. Aufnahme aus den 1920er Jahren.

Von der Villa Wessel ins NIG

Vor mehr als einhundert Jahren wurde ein großes markantes Gebäude an der Amsbergstraße in Bad Harzburg fertiggestellt. Bauherr war der Geheime Kommerzienrat Carl Wessel, geboren am 15. November 1842 in Barmen. Carl Wessel war der Sohn eines Kaufmanns und absolvierte nach seiner Schulzeit ebenfalls eine Kaufmannslehre. Eine spätere Tätigkeit führte ihn zur Sodafabrik von Matthes und Weber in Duisburg.

Der Geheime Kommerzienrat Carl Wessel

Um 1875 kreuzten sich die Wege von Carl Wessel und der Gebrüder Alfred und Ernest Solvay, zwei belgischen Sodafabrikanten. Beide besaßen in Deutschland schon eine Sodafabrik, im idyllischen badischen Ort Wyhlen gelegen. Zusammen ging man daran, weitere Standorte für Sodafabriken in Deutschland zu suchen. Im Jahr 1880 wurde bei Bernburg, heute Sachsen-Anhalt, der geeignete Platz gefunden und bis 1883 eine große Sodafabrik fertiggestellt.

Direktor des Werkes wurde Carl Wessel. Unter seiner Leitung vergrößerte sich das Werk ständig. Es gab bald die Sodafabrik II, ein Kaliwerk, eine Chlorkaliumfabrik und mehrere Steinbrüche. Bis 1885 befanden sich die Solvay-Werke im persönlichen Eigentum der Gebrüder Solvay. Danach setzte sich Carl Wessel für die Umwandlung der Firma in eine Aktiengesellschaft ein. Neuer Name der Betriebe wurde Deutsche Solvay-Werke AG mit Sitz in Bernburg.

Zeitsprung: In den 1990er Jahren gab es den alten Namen Solvay auch in Bad Harzburg  (1996 – 2002). Es handelte sich um den Nachfolgebetrieb der Firmen Schardmüller und Helphos auf dem ehemaligen Gelände der Bündheimer Grube Friederike. Aus der einstigen Firma Solvay war im Lauf der Jahre ein weltweit agierendes Firmengeflecht geworden.

Im öffentlichen Leben von Bernburg spielte Carl Wessel fast einhundert Jahre zuvor eine gewichtige Rolle. Eine Reihe von Jahren war er Stadtverordneter, dann deren Vorsteher. Anschließend wurde er zum Stadtrat ernannt. In späterer Zeit (1903) wurde er Abgeordneter für die National-Liberale-Partei im Deutschen Reichstag. 1899 erhielt er den Titel „Geheimer Kommerzienrat“.

Im selben Jahr führten die Wege von Carl Wessel auch nach Bad Harzburg. Er erwarb unter anderem ein größeres Grundstück an der Amsbergstraße. Das Areal lag früher zwischen den Villen von Carl Löhr und Friedrich Vogeler. Beiden Familien gehörte nacheinander das 1867 gegründete Löhr`s Hotel, das es bis 1935 an der Herzog-Wilhelm-Straße gab.

Zur damaligen Zeit waren Grundstücke an der Amsbergstraße, benannt nach dem Direktor der ersten Deutschen Staatseisenbahn, Phillip August von Amsberg, heiß begehrt. Sei es als Kapitalanlage oder als Bauplatz für Sommer- und Ruhestands-Wohnsitze, wie es sicher Carl Wessel für seine Familie und sich nach einem schaffensreichen Leben geplant hatte.

Den ersten Bauantrag für eine Villa stellte Carl Wessel am 24. März 1900. Dieser Bau wurde jedoch nicht ausgeführt, wie eine Aktennotiz im Herzoglichen Bau-Register des Amtsbezirks Harzburg zeigt. 1901 wurde aber schon ein Pförtnerhaus direkt an der Amsbergstraße erbaut. Welches imposante Gebäude auf dem Gelände einmal entstehen sollte, wussten wahrscheinlich nur Carl Wessel und einige Familienmitglieder. Auch zur damaligen Zeit mussten wohl Anlieger und Behörden vom Bau solch eines großen Gebäudes überzeugt werden.

Ein zweiter Antrag für den Bau der Villa erfolgte im Juni 1902, diesmal mit Erfolg. Fertiggestellt wurde das Gebäude im Lauf des Jahres 1904. Die Rohbaukosten betrugen stattliche 300.000 Mark. Bewohnbar war die Villa zum Jahreswechsel 1904/05.

Federführender Architekt war der Königliche Geheime Baurat Franz Schwechten. Er schuf unter anderem die Berliner Gedächtniskirche, den Anhalter Bahnhof, die Berliner Synagoge und auch die Deutsch-Englische Kirche in Rom. Die Bauleitung vor Ort für die neue Villa hatte jedoch der Architekt Alfred Mustroph inne.

Nachempfunden wurde das Gebäude der Burg Eltz, an einem Seitental der Mosel gelegen. Alle Zimmer und auch Dielen des großen Hauses wurden großzügig angelegt. Schmuckstück war die Bibliothek im Turmzimmer mit herrlichem, unverbauten Blick über Bad Harzburg. In der ersten Zeit nach Fertigstellung wurde die Villa meist als Zweit- und Sommerwohnsitz genutzt.

1907 wurde Carl Wessel Ehrenbürger von Bernburg. In dieser Zeit begann ein langsamer Rückzug aus seiner Firma. Im Sommer 1908 schied er gänzlich aus, und der erste Wohnsitz für Familie Wessel wurde Bad Harzburg. Am 16. Juni 1912 verstarb Carl Wessel in Bad Harzburg. Einige Jahre später folgte ihm 1929 seine Ehefrau Berta. Das ganze Vermächtnis, zu dem auch ein Wirtschaftshof an der Bismarckstraße gehörte, wurde nun von Wessels Erben geleitet. Das Ehepaar Wessel hinterließ drei Töchter und einen Sohn.

Im Jahr 1941 erwarb das Land Braunschweig Grundstück und beide Villen an der Amsbergstraße. Man hatte vor, in den Gebäuden Zweigstellen ihrer Heimschulen zu errichten. Die Heimschulen dienten als Zubringer für die Kant-Hochschule in Braunschweig.

Initiator der Heimschulen war der Studiendirektor Otto Hügel. Aus den Plänen wurde zunächst nichts, weil Harzburg bekanntermaßen im Krieg als Lazarettstadt ausgewiesen war. Alle größeren Gebäude wurden erst mit Verwundeten und später mit Flüchtlingen belegt.

Am 6. Mai 1946 fand schließlich die erste Eröffnungskonferenz des Lehrerkollegiums statt. Die Damen u. Herren der ersten Stunde waren laut Protokoll : Dir. Dr. Mischke, Frau Dr. Wittlake, Frau Dr. Schwidefski und Frau Hering als Heimleiterin. Weiterhin waren anwesend: Frau Lerke, Frau Saal und Frau Thömmes. Nächster Leiter der Schule wurde 1946/47 Direktor Dr. Carl Pfeffer aus Bad Harzburg. Das Institut hatte in dieser Zeit den Charakter einer Volksoberschule.

Der fantastische Blick im Jahr 1953 aus dem Turmzimmer der Villa Wessel über die Stadt Bad Harzburg.

Als Dr. Pfeffer plötzlich verstarb, folgten kurz hintereinander Dr. Karl Mielke und Dr. Anneliese Lehnhoff in der Schulleitung. Die Schule nannte sich inzwischen Aufbauschule im Entstehen, unterrichtet wurden 30 Schülerinnen. Es wurde daran gearbeitet, irgendwann erste Abitur-Prüfungen der Schülerinnen abzunehmen. Integriert war von 1949 an auch eine Abteilung, die das Fach Hauswirtschaft anbot.

In den Jahren 1949/50 wurden beide Gebäude, die ehemalige Villa Wessel als Haupthaus und die ehemalige Villa Vogeler, baulich miteinander verbunden. Am 1. April 1951 konnte die staatliche Heimschule für Mädchen, wie das Institut jetzt hieß, in das Verzeichnis für höhere Schulen aufgenommen werden. Somit konnten jetzt endlich Reifeprüfungen abgenommen werden.

1955 kam noch ein weiteres Gebäude zum bestehenden Schultrakt hinzu. Es handelte sich um die ehemalige Villa des Staßfurter Fabrikanten Paul Hecker gleich nebenan.

Die Zeit von Dr. Anneliese Lehnhoff an der Schulleitung dauerte bis 1959. Ihr folgte bis 1978 Frau Ruth Gieseler. 1960 wurde der bestehende Zwischenbau vergrößert, um mehr Platz für eine größere Aula zu schaffen. In den Jahren 1966/67 kam als Neubau das „Töchterheim“ hinzu.

Das Jahr 1972 brachte die Umwandlung in eine gemischte Heimschule. Zum ersten Mal wurden Jungen in eine Klasse aufgenommen. Diese stammten zumeist aus der Wolfenbüttler Heimschule, in der nur männliche Schüler unterrichtet wurden. Später wurde dieses Institut nach und nach geschlossen.

Es konnten durch die Erweiterungsbauten jetzt rund 200 Schülerinnen und Schüler unterrichtet werden. Seit Anfang der siebziger Jahre besteht auch eine Kooperation mit dem Werner-von-Siemens-Gymnasium. Jürgen Krolow übernahm am 9. Januar 1979 die Nachfolge von Ruth Gieseler.

1980 gab es wieder einen neuen Namen für die Schule. Sie nennt sich bis in die heutige Zeit Niedersächsisches Internatsgymnasium, kurz NIG. Der alte Name Heimschule passte nicht mehr in die Zeit, weil er wohl in Teilen der Bevölkerung als Begriff für Jugend- und Erziehungsheim missverstanden wurde.

In den nächsten Jahren ging der Trend dahin, dass immer mehr Tagesschüler das NIG besuchten. Ein Heimplatz kostete 1993 immerhin 650 DM im Monat. Das Lehrerkollegium zählte zu dieser Zeit rund 25 Lehrkräfte.

1994 wurde für das NIG fast zum Schicksalsjahr. Das Land Niedersachsen, bis dato Träger der Schule, wollte im Rahmen von Sparmaßnahmen zum Jahresende die Schule schließen. Für das NIG begann eine heiße Phase. Eltern, Schüler, Lehrkräfte, Lokalpolitiker und Teile der Bad Harzburger Bevölkerung kämpften für den Erhalt der Schule. Der Erfolg kam kurz vor Jahresende. Es einigten sich Stadt, Kreis und Land Niedersachsen über die jeweilige Kostenverteilung für das Gymnasium. Somit war der Erhalt der Schule für Bad Harzburg gesichert.

Die Villa Wessel im Jahr 2004 als Bestandteil des Niedersächsischen Internatsgymnasiums.

1996 feierte man das 50-jährige Bestehen der Schule. Im Jahr 2002 ging der langjährige Schulleiter Jürgen Krolow in den Ruhestand und Ursula Rasch übernahm die Leitung des Gymnasiums bis zu ihrem Ruhestand 2008.  Die Schulleitung ging danach an Herrn Urban.

Unterrichtet werden heute rund 340 Schülerinnen und Schüler, davon 60 Prozent intern untergebrachte Abi-Anwärter. Der Lehrkörper umfasst zurzeit 32 Personen. Von den intern untergebrachten Schülern bewohnt einer auch das Turmzimmer. Immer noch mit herrlichem, unverbauten Blick auf unsere Stadt, wie vor 105 Jahren zu Zeiten von Carl Wessel.


Der Beitrag erschien auch im Uhlenklippenspiegel 77/2006: Villa Wessel, das heutige Niedersächsische Internatsgymnasium (Harry Plaster)

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