
Die Erzseilbahn von der Grube Friederike zur Mathildenhütte
Bevor es die im Sommer 1929 eingeweihte Kabinen-Seilschwebebahn zum Burgberg in Bad Harzburg gab, versah schon einige Jahre eine industriell genutzte Draht-Seilbahn ihren Dienst im Amtsbezirk Bad Harzburg. Es handelte sich um die Erzseilbahn von der Bündheimer Grube Friederike zur Mathildenhütte in Westerode. Endgültig geplant wurde sie vor achtzig Jahren, zum Ende des Jahres 1924.
Der offizielle Bauantrag durch die Elsass-Lothringer Erzbergbau-AG erfolgte schließlich am 17. Juni 1925 unter der Register-Nr. 1540 bis 1545 im Bau-Register des Amtsbezirks Harzburg. Zuständig war die damalige Herzogliche Kreisdirektion zu Wolfenbüttel. In dem Antrag wurde die Seilbahn als Neunbrücken-Bauwerk bezeichnet. Wahrscheinlich in Anlehnung an die Masten und Seilbahnbrücken, auf der die Lorenbahn einige Straßen und Plätze überqueren musste.

Doch zwischen der Planung und dem Bauanfang waren noch einige Hindernisse für die Antragsteller zu überwinden. So gab es verschiedene Haus- und Grundstückseigentümer, die mit dem Streckenverlauf des Bauwerkes nicht einverstanden waren.
Als eine gütliche Einigung nicht absehbar war, wurde mit Zwangsenteignung seitens der Antragssteller gedroht. Ende des Jahres 1924 wurde dann von der damaligen Landesregierung ein solches Verfahren eingeleitet.
Zusätzlich gab es aber ein unabhängiges Gutachterurteil aus Wolfenbüttel. Es ging dabei über die Höhe der Entschädigungen bei Grundstücksbeeinträchtigungen durch den Bau von Stützen, diversen Leitungen und auch über die zu erwartende Geräuschentwicklung im Fahrbetrieb der Bahn. Dies galt sicherlich besonders bei nächtlichem Verkehr der Bahn, denn die Mathildenhütte und die Grube Friederike arbeiteten bei Hochbetrieb zeitweilig in drei Schichten rund um die Uhr.
Als die langanhaltenden Streitigkeiten beendet waren, wurde der Bauauftrag an die Magdeburger Firma H. H. Mackensen vergeben. Fertigstellung der Seilbahn war nach kurzer Bauzeit am 21. Juni 1926, die Bauabnahme erfolgte zwei Tage später.
Vorbei waren damit die Jahre, in denen Pferdefuhrwerke von bestellten Fuhrunternehmern den langen Weg von der 1863 vollständig eröffneten Grube Friederike zur Mathildenhütte zurücklegten. Pferdeställe für hütteneigene Pferdegespanne gab es aber auch zur damaligen Zeit. So u. a. an der Grube Friederike und der Mathildenhütte.
Dann gab es einen Pferdestall an der Hüttenstraße, heute An den Weiden genannt. Ein weiterer Stall für Pferde befand sich an einer von zwei damaligen Zementfabriken. Eine gehörte zur Mathildenhütte und die andere, etwa am heutigen Tennisweg befindliche, hatte den Namen Hercynia. Das letzte Pferdegespann für werksinterne Fahrten für die Grube Fiederike und Mathildenhütte gab es noch bis um 1957. Der Gespannführer damals hieß Otto Roß.
Der gesamte Verlauf der sogenannten Hängelorenbahn, berührte die drei heutigen Ortsteile Bündheim, Schlewecke und Westerode. Die gesamte Länge betrug fast zweieinhalb Kilometer. Eine Lore brauchte etwa 24 Minuten für die Strecke. Die Transportkapazität aller Loren, die im Durchschnittsabstand von 100 Metern fuhren, schaffte in acht Stunden die Menge von stattlichen 560 Tonnen Eisenerz zur Mathildenhütte, als Endpunkt der Bahn.

Der Antrieb der Lorenbahn, erfolgte mit einem starken E-Motor. Installiert auf der Grube Friederike. Mittels mehrerer Seilscheiben, die ähnlich einer Kupplung wirkten, wurde die Kraft auf das Zugseil der Bahn übertragen.
Doch bevor die Loren an der Mathildenhütte ankamen, mussten diese einige Straßen, Plätze und damals noch freie Wiesen überqueren. Die erste Brücke überspannte schon nach wenigen Metern vom Ausgangspunkt den Grubenweg. Es folgte ein Mast und eine Station ungefähr dort, wo sich heute die Straße Am Lehen befindet.
Die nächste Brücke stand an der Silberbornstraße, die Bahn überquerte dort den Schlosspark. Danach folgte eine Überführung über die damalige Triftstraße, der heutigen Straße Am Schlosspark. Der weitere Verlauf mit einer Brücke ging über den jetzigen Lindenbruchweg, im Volksmund als „Verbotener Weg“ bekannt. Nun stand das nächste Bauwerk über die alte Bundesstraße sechs, von Goslar nach Bad Harzburg führend, in Nähe des heutigen Koppelweges. Weiter ging es dann über die Straßen Im Troge und Hopfengarten, danach über die Scharenbergstraße vorbei am heutigen Berggarten in Richtung Messinghütte und Pfarrer Hackethalstraße.
Jetzt war man im Ortsteil Schlewecke und es folgte eine Brücke über die Breite Straße. Die Bahn führte dann über die Deilich, wo sich heute das Schulzentrum, Kindergärten und die Turnhalle befindet. Sie überquerte die Radaustraße und verlief am ehemaligen Sportplatz des Fußballvereins Gün-Weiß Schlewecke vorbei. Danach musste der Verlauf der Bahn über die Radau, die Bahnlinie Goslar-Harzburg und über die Bahnhofstraße gelegt werden.
Die Loren befanden sich jetzt in Westerode und als letztes Bauwerk kam die sogenannte Winkelstation, ehe die Loren in einer Überführung direkt über einige Wohngebäude der Mathildenhütte zum Endpunkt gelangten. Die zwei langgestreckten Wohnanlagen wurden vornehmlich für Hütten- und Grubenarbeiter in den Jahren 1914 bis 1924 erbaut.
An der Winkelstation waren viele tonnenschwere Steinblöcke angebracht, um die verschiedenen Seile der Bahn gleichmäßig straff zuhalten. Zeitzeugen, die in der Nähe der Station wohnten, berichten, dass wenn einmal ein Seil riss, es einen mächtigen Knall gab und die ganze Anlage und Umgebung erschütterte wie bei einem Erdbeben.

Nachdem die Loren ihre Reise nun beendet hatten, wurde das Erz verarbeitet. Als die 1861/62 von Konsul Meyer und Bergwergsdirektor Castendyck gegründete Mathildenhütte ihren Betrieb um 1940 endgültig einstellte, wurden Teile der Anlage umgebaut und nur noch als Erzverladestation genutzt.
In dieser Zeit gab es noch eine zweite Erzseilbahn, an die kurz erinnert werden soll. Die zweite Seilbahn kam von der Grube Hansa, jeweils in Göttingerode und Harlingerode gelegen. Das besagte Bauwerk gab es schon von 1903 an und versah bis um 1940 seinen Dienst. Danach wurde die Anlage bis 1943 demontiert und in Konin im ehemaligen Warthegau (heute Polen) wieder verwendet. Ersetzt wurde die Seilbahn in Harlingerode durch eine Kettenbahn vom Grubengelände über die Landstraße, dann weiter zu einem Gleisanschluss in Bahnhofsnähe.
Die Eisenerze der Grube Friederike, der Grube Hansa und einer weiteren Anlage in Echte, die zur jetzigen Harz-Lahn-Erzbergbau AG mit Hauptsitz in Weilburg gehörten, wurden größtenteils in Dortmund-Rheinhausen verhüttet. Später kamen die Transporte mit bis zu 15 Waggons und meistens mit zwei Lokomotiven bespannt nach Salzgitter.
Wegen der zu geringen Eisenerzanteile im Gestein der hiesigen Gruben im Vergleich mit anderen Erzlieferanten kam am 16. August 1963 das Ende der Erzförderung auch in Bündheim. Es war ein wehmütiger Tag, als die letzte Lore geschmückt und gefüllt mit Erz an der Mathildenhütte ankam. Das gleiche Schicksal traf einige Jahre vorher auch die beiden anderen erwähnten Gruben, wobei die Schließung der Grube Hansa im Jahr 1960 erfolgte.
In den Jahren 1963/64 wurden die ganzen Anlagen in Bündheim, Schlewecke und Westerode demontiert. Größere Zwischenfälle oder Unfälle im Betrieb der Bahn sind nicht bekannt. Jedoch landete manche Erzladung der Loren in Gärten, weil sich die Arretierungshaken der Gondeln irrtümlich lösten.
Die Lorenbahn wurde regelmäßig gewartet. Der Vater des Autors war als Schlosser und Schmied bei der Grube Friederike angestellt. Ihm oblag es mit seinen Kollegen die Zug- und Tragseile der Lorenbahn zu überprüfen. Das hieß, man musste eine Lore besteigen und bei der Fahrt von der Grube Friederike zur Mathildenhütte die Seile in Augenschein nehmen. Sicherlich wurde dies auch dokumentiert.
Auf dem Gelände der ehemaligen Grube Friederike befindet sich jetzt die Firma Mann und Hummel, ein großer Zulieferbetrieb für die Kfz-Industrie. An der Mathildenhütte erinnert auch nicht mehr viel an vergangene Zeiten. Einzig ein altes Waagehaus ist noch übergeblieben, es steht dort heute noch und dient als Gartenhäuschen. Von der späteren Erzverladestation stehen noch einige Gebäude, die u. a. als Wohnhaus und für einen Getränkemarkt der Firma Lipper dienen.
Der Beitrag wurde auch im Uhlenklippenspiegel, Ausgabe 133/2022, veröffentlicht. Ein weiterer Beitrag zum Thema: „Demontage der Erzseilbahn von der ehemaligen Grube Friederike zur Mathildenhütte (Harry Plaster)“ | Ausgabe 076/2005
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